Magazin: CD-Kritiken
Erwin Schulhoff: Sonate Nr. 3, Ironien, 10 Klavierstücke

Details zu Erwin Schulhoff: Sonate Nr. 3, Ironien, 10 Klavierstücke: Monica Gutman, Klavier

Erwin Schulhoff: Sonate Nr. 3, Ironien, 10 Klavierstücke: Monica Gutman, Klavier

Überschäumend

Monica Gutman widmet sich Klavierkompositionen des Dadaisten Erwin Schulhoff.

In fast jedem Musikgeschichtsbuch findet man zum Stichwort ‚Dadaismus‘ meist nur ausweichende oder abwertende Bemerkungen mit dem Tenor, dass es da zwar Kompositionen gibt, deren künstlerischer Wert jedoch sehr zeitverhaftet sei. Das unterschlägt, dass der Dadaismus wahrscheinlich eine der radikalsten und lustvollsten Avantgardebewegungen nach dem Ersten Weltkrieg war. Erwin Schulhoff ist hierfür ein prägnantes Beispiel.

In Saarbrücken am Bornschen Konservatorium erhält Schulhoff eine erste feste Arbeitsstelle, aber er ist unzufrieden, ein Eintrag im Tagebuch belegt das: ‚9.11.1920. Saarbrücken! Bornscheins Konservatorium der Musik!! …Schülermaterial Scheiße! Dieses soll Klavierspielen, Musika machen! Zum Kotzen!!! Seit 15. X. ‚Lehrer’ der Oberklassen! Mein Vater, – der Millionär und ich armer Teufel! [...] 9.11. Meine Devise: Lernt Dada daher – o glaubt mir: Dada siegt.‘

Quicklebendige Musik

Schon vor diesem Hintergrund ist die vorliegende Einspielung zu begrüßen, weil sie eine quicklebendige Musik vorführt, die genau in der Zeit des oben erwähnten Tagebucheintrags entstanden ist und die in den Musikgeschichten kaum Erwähnung findet. Die vorgelegte Auswahl ist dabei als höchst gelungen zu bezeichnen, da sie einerseits Werke ganz unterschiedlichen Charakters präsentiert, andererseits aber einen Zeitraum von 1919 bis 1927 vorführt, indem Schulhoff sich stilistisch von seinen Lehrern löst. In den 'Ironien' (1920) für Klavier vierhändig op. 34 gibt es gelegentliche Reger-, Strawinsky-, Mahler- oder Debussy-Ahnungen, ohne dass man von tatsächlicher Beeinflussung sprechen könnte.

Die Dritte Klaviersonate aus dem Jahre 1927 stellt einen interessanten Versuch dar, Dodekaphonie und Tonalität zu verbinden. Erfreulich, dass angesichts der Komplexität – und zuweilen rhythmischen Vertracktheit dieser Musik – kaum interpretatorische Wünsche offenbleiben. Vor dem Anhören dieser CD empfiehlt es sich, den von Stefan Drees verfassten Text im Booklet zu lesen.

Monica Gutman befreit auch die '10 Klavierstücke' op. 30 von dem Ruch bloßer Virtuosität; Agogik, hohe Anschlagskultur und eine wohldosierte Pedalbehandlung orientieren sich genau am Notentext. Und auch die Metronomangaben werden – selten genug bei vergleichbaren Interpretationen! – exakt befolgt, denn hält man sich an Schulhoffs Tempovorschriften, entgeht man der Gefahr der Sentimentalität. Gleiches gilt auch für die 'Musik für Klavier' op. 35, wie auch für die vom Jazz beeinflussten 'Inventionen' aus dem Jahre 1921. Fazit: eine ungemein lebendige Musik. Die Interpretationen beweisen eine tiefgehende Vertrautheit mit dem kaleidoskopartigen Charakter dieser Musik. Diese gelungene Einspielung zeichnet ein pulsierendes und überschäumendes Bild der Musik der 1920er Jahre, ohne dass auf nachdenklichere Töne verzichtet würde.


Michael Pitz-Grewenig, 28.04.2020

Label: WERGO
Interpretation: 
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Booklet: 




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