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Franz Schubert: Winterreise

Details zu Franz Schubert: Winterreise: Thomas Oliemans, Paolo Giacometti

Franz Schubert: Winterreise: Thomas Oliemans, Paolo Giacometti

Faszination des Tragischen

Paolo Giacometti und Thomas Oliemans gelingt es, Schuberts 'Winterreise' trotz ihres hohen Bekanntheitsgrades eine neue, in faszinierenden Farben schillernde Interpretation zu geben, bei der der Spannungsbogen von Anfang bis Ende aufrechterhalten wird.

Es ist erstaunlich, wie sehr die künstlerische Interpretation die Wirkung einer Komposition beeinflussen kann. Deswegen ist die skeptische Überlegung, ob ein Werk wie Schuberts 'Winterreise', das schon so oft aufgenommen wurde, noch eine weitere Interpretation braucht, müßig. Viel interessanter ist die Frage, was die Interpreten aus dem Werk herausholen und ihm im Gegenzug auch wieder zurückgeben. Eine gelungene Einspielung liegt dann vor, wenn es nicht darauf ankommt, wie oft man das Werk schon gehört hat und wie gut man es zu kennen glaubt, weil man es beim Hören neu erlebt und entdeckt. Obwohl die 'Winterreise' nicht nur zu Schuberts bekanntesten Werken, sondern auch insgesamt zu den meistgehörten Liederzyklen zählt, ist Thomas Oliemans (Bariton) und Paolo Giacometti (Klavier) dieses Kunststück gelungen, so dass es sich selbst bei genauester Kenntnis der Komposition lohnt, genau hinzuhören, um all die Nuancen wahrzunehmen, die ihre Interpretation zu bieten hat.

Mehr als Tragik

Schon vom ersten Ton des Eröffnungsliedes 'Gute Nacht' fasziniert der intensive Spannungsbogen, der zu keiner Sekunde abreißt und den Hörer jede Situation des einsamen Wanderers emotional durchleben lässt. Giacometti wählt für seine pianistische Einleitung ein Tempo, das genau an der Grenze zwischen schwermütiger Langsamkeit und gehetzter Eile einzuordnen ist. Der stetige Fluss der berühmten Mollakkorde erinnert an einen Trauermarsch und symbolisiert die innere Ruhelosigkeit des Wanderers, der seine Geliebte verloren hat und nun ziellos und doch wie von einem äußeren Zwang getrieben weiterwandert.

Auch in den anderen Liedern gelingt es den beiden Interpreten, dem Hörer die jeweilige Stimmung, in der sich das lyrische Ich befindet, musikalisch zu veranschaulichen. Hierbei bleibt das in dieser Komposition so charakteristische und auch sicherlich permanent vorhandene Element des Tragischen keineswegs das einzige Merkmal der Interpretation. So überzeugt in manchen Liedern vor allem der volksliedhafte Duktus, der durch die gesangliche und pianistische Umsetzung hervorgehoben wird und eine ganz neue Perspektive ermöglicht. Dies gilt beispielsweise für den 'Lindenbaum', der von dem Kontrast zwischen der nostalgischen, weichen Verträumtheit der Vergangenheit und der rauen, kalten Realität der Gegenwart lebt, was die Interpreten meisterhaft umsetzen. Ebenso beeindruckend ist die tänzerische, verspielte Interpretation des 'Frühlingstraums', in dem der Pianist in der Einleitung bewusst auf metronomische Exaktheit verzichtet und das Tempo zugunsten eines verspielten, leichtfüßigen Charakters der Melodie entsprechend anpasst. Ein ähnliches Phänomen zeigt sich in der 'Wetterfahne', in der der Pianist die Bewegung derselben geradezu lautmalerisch darstellt und das unvorhersehbare Spiel des Windes, der nicht nur mit der Wetterfahne, sondern auch metaphorisch mit den Herzen spielt, verdeutlicht.

Während sämtliche Lieder der 'Winterreise' den Hörer die Stimmungen des Wanderers miterleben lassen, erzeugt das Abschlusslied 'Der Leiermann' geradezu eine Gänsehaut. Die minimalistische Begleitung, die im Vergleich zu den vorhergehenden Liedern kraft- und hoffnungslos wirkt und in der lediglich das traurige Sechzehntelmotiv noch dunkel an den vermeintlich fröhlichen Klang des Leierkastens erinnert, wirkt gespenstisch. Auch Oliemans‘ Stimme klingt auf einmal fahl und matt und wird zunehmend schwächer, nur noch ein letztes Mal bäumt sie sich leidenschaftlich auf, als der Wanderer den Leiermann anspricht: ‚‘Willst zu meinen Liedern deine Leier drehn?‘

Emotionale Tiefe

Ein weiteres Merkmal einer gelungenen Interpretation ist es, wenn der Zuhörer zu keinem Zeitpunkt daran erinnert wird, welch künstlerische Schwierigkeiten das Werk bietet, da die Interpreten die Aufmerksamkeit gezielt auf den emotionalen Inhalt der Musik legen. Zweifellos ist die 'Winterreise' sowohl pianistisch als auch sängerisch ausgesprochen anspruchsvoll, doch Giacometti und Oliemans sind diesen Herausforderungen spielend gewachsen. Dank der emotionalen Tiefe, die sie dem Werk verleihen und ihm so Kontur und Farbigkeit geben, wird der Zuhörer jedoch geschickt von der Virtuosität mancher Passagen abgelenkt, um sich ganz dem Ausdruck der Musik widmen zu können.

Während das Klavier mal selbst den singenden Part zu übernehmen scheint, mal das sanfte Rauschen der Blätter des Lindenbaums oder die bedrohlich wirkenden ‚kalten Winde‘ nachahmt, dann wieder den monotonen Flügelschlag der Krähe imitiert, die den Wanderer unerbittlich verfolgt, nimmt der Gesangspart Oliemans‘ ebenso viele Gestalten an. Trotz des grundsätzlich weichen, unaufdringlichen Timbres seiner Stimme lässt er sie manchmal pathetisch, manchmal wehmütig klingen und verleiht ihr besonders in 'Mut' ein Ausmaß an Energie, das in Kombination mit dem ebenso aufbrausenden, trotzigen Klavierpart sehr beeindruckend und plastisch wirkt. Auch ohne den im Booklet abgedruckten Text ist man als Hörer dank der klaren Artikulation mühelos in der Lage, jedes Wort zu verstehen, was ebenfalls Charakteristikum einer guten Interpretation ist. Auch Giacomettis pianistischer Beitrag erfüllt diesen Anspruch, da das Klavier trotz sämtlicher Klang- und Pedalisierungsunterschiede stets ebenso deutlich spricht wie der Sänger, was dem Werk Schuberts dadurch noch mehr Geschlossenheit verleiht.


Dr. Uta Swora, 31.01.2020

Label: Channel Classics
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




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