Magazin: CD-Kritiken
Hanns Eisler: Songs 1917-1927

Details zu Hanns Eisler: Songs 1917-1927: Holger Falk, Steffen Schleiermacher

Hanns Eisler: Songs 1917-1927: Holger Falk, Steffen Schleiermacher

Von der Tragik des Lebens

Bariton Holger Falk und Pianist Steffen Schleiermacher präsentieren Lieder von Hanns Eisler.

500 Lieder komponierte Hanns Eisler (1898-1962). Autodidaktisch begann er schon mit 11 Jahren als Kind zu komponieren, Sonaten und Lieder nach Texten von Jens Peter Jacobson, die er bei wohlhabenden Schulfreunden am Klavier ausprobierte, weil er zu Hause keine Gelegenheit hatte. Der Vater, selbst Sänger, war von den Kompositionen seines Sohnes wenig begeistert. Nichtsdestoweniger komponierte er weiter und kompensierte damit auch die tragischen Eindrücke des Ersten Weltkrieges. Vier Monate war er im Einsatz zwischen Grenzgebiet von Italien, Österreich und Slowenien. Es entstanden die beiden Kompositionen 'Der müde Soldat' und 'Die rote und weiße Rose' nach chinesischen, von Klabund übersetzten Gedichten, die einzigen aus Eislers Frühzeit 1917 erhaltenen Lieder.

En vogue

Die anschließende Schaffensdekade Hanns Eislers bis 1927 präsentieren Bariton Holger Frank und Steffen Schleiermacher am Klavier auf ihrer neuen CD. Überaus einfühlsam interpretieren sie die in der Regel sehr traurigen Kompositionen. Es entstehen ergreifende, in der Tiefe pulsierende, tonal und rhythmisch facettenreiche, bedrückende Stimmungsbilder. Chronologisch und thematisch geordnet singt Frank 37 Lieder. Nach dem fröhlichem 'Mädele, bind den Geißbock an' aus 'Des Knaben Wunderhorn' wechselt die Stimmung abrupt in dissonante Melancholie. Vorwiegend in der deutschen Literatur wurde Eisler fündig, von der empfindsamen Dichtung eines Claudius über Eichendorffs Romantik, Büchner, Nietzsche und Morgenstern bis zu den Expressionisten. Dazu wird mit Rabindranath Tagore und Klabunds Übersetzungen seine Vorliebe für asiatische Gedichte deutlich, die in der damaligen Zeit en vogue waren. Doch kein Liedtext spiegelt genau die literarische Vorlage. Eisler änderte sie immer etwas ab, um sie ‚der Musik brauchbar zu machen.‘

Erstaunlich ist, wie spannungsreich Eisler als Autodidakt zwischen Gesangsstimme und Klavierbegleitung die Balance hält, dem Klavier sehr viel Raum gewährt, um die Liedstrophe nachhallen zu lassen oder umgekehrt die Instrumentallinie durch den Gesang zu verdichten. 1919 nahm er bei Arnold Schönberg wegen dessen ‚vorzüglichen Kontrapunkt-Unterrichts‘ Stunden. Schönberg war sehr stolz auf seinen Schüler und nobilitierte die ersten Kompositionen Eislers mit Opuszahlen. Dazu zählen die 'Sechs Lieder' op. 2 von 1922, typische expressionistische Werke, deren große Gesangsintervalle und pathetische Dynamik Frank durch seinen großen Tonumfang souverän und klangschön intoniert. Lautmalend, textadäquat durch Violinbegleitung (Andreas Seidel) intensiviert, lockert Christian Morgensterns 'Mausefalle', eine witzig parodistische Befreiungsaktion einer Maus, kurz die düstere Grundstimmung dieser CD auf, die gleich darauf durch Georg Trakls 'Melancholie' über die Sterblichkeit klagt. Selbst Trakls 'Im Frühling' ist tonal noch im Schatten des Kriegs verortet.

Schrille Klangmuster

Eislers musikalische Hinwendung zum alltäglich Satirischen wird in den elf 'Zeitungsausschnitten für Gesang und Klavier' op. 11 hörbar, Lieder, die in Berlin 1922 als überaus provokativ und skandalös empfunden wurden. Deutlich an Bertolt Brecht orientiert, geht Eisler textlich und kompositorisch neue Wege, um ideologische Hintergründe zu beleuchten. Skurrile Geschichten, Annoncen, Kinderreime inspirierten ihn zu schrillen Klangmustern fern der üblichen Liedkonzerte der bürgerlichen Kreise. Frank bleibt hier dennoch meist der konzertante klangschöne Liedsänger. Nur im 'Kriegslied eines Kindes' leuchten vulgäre Artikulation und latente Ironie im Brechtschen Sinne auf, bevor der Liederzyklus mit 'Was möchtest du nicht', ebenfalls aus 'Des Knaben Wunderhorn', ganz unromantisch skurril endet.


Michaela Schabel, 20.05.2020

Label: MDG
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