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Paul Juon: Violin Sonatas No. 1-3

Details zu Paul Juon: Violin Sonatas No. 1-3: Charles Wetherbee, David Korevaar

Paul Juon: Violin Sonatas No. 1-3: Charles Wetherbee, David Korevaar

Luft nach oben

Auf einer neuen Naxos-Platte spielen Charles Wetherbee und David Korevaar die drei Violinsonaten von Paul Juon. Auf eine wirklich befriedigende Interpretation muss man weiter warten.

Pianist David Korevaar hat selbst den Begleittext geschrieben (der leider nur auf Englisch vorliegt), und er betont darin Paul Juons Verbindungen zur Romantik und zur deutschen Tradition. Dann legt man die Platte mit Juons drei Violinsonaten ein und hört Klänge, die dazu kaum passen wollen. Die Musiker beginnen nämlich mit der zweiten Sonate von 1920, und in dieser seiner reifen Zeit hatte Juon (1872-1940) längst einen höchst individuellen Stil entwickelt, der zwar Elemente der Tradition beibehält, aber eben sehr stark abwandelt. Insgesamt sind Juons drei Violinsonaten so unterschiedlich, dass sie auch von verschiedenen Komponisten stammen könnten.

Der Vortrag freilich glättet viele Schroffheiten der Musik und bleibt somit hinter ihren Möglichkeiten zurück, das ist bei einem Blick in die Noten im Grunde schnell zu erkennen. Was sich die Interpreten unter einem Fortissimo vorstellen, insbesondere wenn es von Juon noch mit dem Zusatz ‚martellato‘ versehen wird, also gehämmert, ist befremdlich. Generell scheint sich Juon auch eine sehr viel schärfere Artikulation vorgestellt zu haben, doch deren etwas nachlässige Befolgung ist bei Streichern ja so gut wie immer zu finden. Bei Violinist Charles Wetherbee kommt leider der in dieser Aufnahme doch sehr dünn klingende Geigenton hinzu, der wenig ansprechend wirkt. Dies ist nicht die erste Einspielung von Juons Violinsonaten, doch die Unterschiede zu der älteren Interpretation durch Alla Voronkova und Evelyn Dubourg sind letztlich nicht allzu groß. Auf eine wirklich befriedigende Interpretation der an sich äußerst spannenden und vielseitigen Violinsonaten Paul Juons muss man wohl weiter warten.

Starke Unterschiede

Am besten gelingt David Korevaar und Charles Wetherbee die erste Sonate. Sie klingt Brahms, der häufig als Vorbild Juons genannt wird, noch am ähnlichsten, doch der war ja auch erst im Jahr zuvor verstorben, als Juon das Werk 1898 veröffentlichte. Die Interpreten haben diese erste Sonate, vermutlich des brillant-virtuosen Finales wegen, an den Schluss der Platte gestellt. Hier passt der Zugang der Interpreten weitaus besser als bei den moderneren Sonaten, vor allem aber ist die Dynamik deutlich eindrucksvoller geraten, und der Aufnahme ist insofern vor der Einspielung mit Voronkova/Dubourg der Vorzug zu geben. Die starken Unterschiede bei der dynamischen Gestaltung der einzelnen Sonaten liegen möglicherweise auch darin begründet, dass die drei Werke in drei zeitlich weit voneinander entfernten Aufnahmesitzungen eingespielt wurden. Auffällig ist bei der ersten Sonate außerdem die starke Tendenz Charles Wetherbees, auf der Geige die Töne ineinander zu ziehen. Nach heutigen Begriffen klingt das reichlich ungewohnt, im ausgehenden 19. Jahrhundert allerdings dürfte das üblich gewesen sein, letztlich verwirklicht Charles Wetherbee also einen Aspekt historischer Aufführungspraxis.

Dennoch verzichtet er darauf dankenswerter Weise in der zweiten und dritten Sonate. In letzterer gehen David Korevaar und Charles Wetherbee dynamisch ebenfalls entschlossener vor als in der zweiten Sonate. Die am wenigsten gelungene Interpretation steht damit am Beginn der neuen Platte, während die der dritten Sonate einen deutlich gelungeneren Eindruck macht. Dennoch fällt ein Vergleich mit der Interpretation durch Horst Göbel und Hans Maile zu Gunsten dieser älteren Aufnahme aus. Zwar hätte die Genauigkeit der Artikulation auch hier durchaus noch Luft nach oben, doch die Schroffheiten der Musik kommen immerhin wesentlich besser zum Ausdruck, und der Kontrast zu den langsamen, sanfteren, häufig mit ‚dolce‘ bezeichneten Abschnitten ist ebenfalls besser ausgeprägt.


Jan Kampmeier, 05.12.2019

Label: Naxos
Interpretation: 
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