Magazin: CD-Kritiken
Schumann / Wagner: Dichterliebe, Lenau-Lieder, Wesendonck-Lieder

Details zu Schumann / Wagner: Dichterliebe, Lenau-Lieder, Wesendonck-Lieder: Christoph Prégardien, Michael Gees

Schumann / Wagner: Dichterliebe, Lenau-Lieder, Wesendonck-Lieder: Christoph Prégardien, Michael Gees

Poesie der Reife

So frisch wie Schumann hier – mit Heine – wirkt, so beseelt, inspiriert und bei kompositorischen Kräften sind nur ganz große Künstler je in ihrem Schaffen anzutreffen. Prégardien und Michael Gees fühlen das mit der Poesie der Reife nach.

Wann immer der Tenor Christoph Prégardien Ausflüge in hochklassiges Liedrepertoire unternimmt, oft mit seinem langjährigen Klavierpartner Michael Gees, aber auch mit Andreas Staier und anderen Größen des Fachs, sind spannende Programme zu erleben, in interessanten Konstellationen. So ist es auch bei der aktuellen Produktion des Labels Challenge Records: Eingerahmt von Robert Schumanns 'Dichterliebe' op. 48 und den späten Lenau-Liedern op. 90 sind Richard Wagners 'Wesendonck-Lieder' zu hören.

'Dichterliebe' und Lenau-Lieder – das umfasst das sagenumwobene Liederjahr 1840 ebenso wie die Produktion ein Jahrzehnt später. Und beide Sphären zeigen, welch ein Lied-Gigant Robert Schumann war, poetisch und kompositorisch begnadet, mit einer subtilen Aneignung beider Aspekte, wie sie vielleicht keinem anderen Künstler neben ihm möglich war. Schumanns Balance – in der 'Dichterliebe' kongenial von Heinrich Heine flankiert – von Poesie und Musik ist ebenso heikel wie wirksam: Wie vor 180 Jahren treffen Text und Komposition direkt ins Herz, braucht es für den Hörer der Gegenwart keinerlei erklärendes Beiwerk, um sich in den liebesleidenden Jüngling des Zyklus einzufühlen. Etliches von diesen Qualitäten ist auch den Lenau-Liedern zu eigen, deren Bekanntheit zu Unrecht hinter der der größeren Zyklen Schumanns zurücksteht.

Richard Wagners 'Wesendonck-Lieder' sind harmonisch dichte ‚Tristan-Musik‘, wie Wagner selbst sie bezeichnete: Attraktiv und mit Sogwirkung, vielleicht nicht genuin liedhaft, weil zu wenig konzentriert in Geste und Kontur. Und – im Vergleich zum intensiven Heine-Erlebnis zuvor kann man das nicht verschweigen – die Texte von Mathilde Wesendonck sind reichlich ernüchternd: Schwerfällig im Rhythmus, voller Schwulst und Dunst. Selbst Richard Wagner gelang es nicht, diesen Einfluss in jeder seiner Phrasen zu leugnen.

Einfühlsam

Christoph Prégardien ist seit vielen Jahren als vielseitiger Liedsänger renommiert und stellt hier eine weitere schöne Frucht der intensiven Zusammenarbeit mit Michael Gees vor. Seine Stimme ist enorm modulationsfähig, die Höhen werden nicht stürmisch erklommen, sondern dezidiert gesetzt. Vor allem sind eine sonore Mittellage und quasi baritonale Tiefen zu hören, die gerade bei Wagner reichen Ertrag bringen. Auch als Lyriker von Graden gewinnt er Profil, dann aufgehellt und leichter in der Wirkung, weit entfernt von wagnerischer Überwältigungsgeste. Jederzeit ist Prégardien in der Lage, seine Sprachmacht zu reduzieren und zu einer schlichten Natürlichkeit zu führen. Dadurch sind die Texte von Heine und Lenau ebenso präsent wie die Musik, profiliert sich der Sänger als kluger Erzähler feiner Miniaturen.

Gerade bei der 'Dichterliebe' ist es spannend zu hören, wie es einem reifen Sänger gelingen kann, seine lebenserfahrene Stimme auf die Perspektive des Jüngeren zu verlegen. Prégardien schafft das bemerkenswert mühelos, verschlankt den Klang, lässt ihn fahler oder leichter werden, wo nötig, zum Beispiel in 'Hör' ich das Liedchen klingen', in 'Am leuchtenden Sommermorgen' oder im zu Herzen gehenden 'Ich hab' im Traum geweinet'. Vielleicht ist da kein jugendlicher Existenzialismus zu hören, aber in jedem Fall ein glaubwürdig um Liebe ringender, sensitiver Mann.

Stimmungsräume

Michael Gees' Klavierspiel ist gerade bei Schumann mehr als nur mitentscheidend; der Pianist gestaltet zugleich bewusst und aus dem Moment heraus, ist Schöpfer von Stimmungsräumen, dabei intim vertraut mit dem künstlerischen Wollen Schumanns wie Prégardiens. Gees lenkt das Geschehen subtil – und er erweist sich als Meister des Schumann-Nachspiels, das Gesungenes nachhallen lässt, Gesagtes summiert, zu dem Ende bringt, das zuvor vielleicht noch nicht erreichbar war. Das Klangbild, in dem diese Kunst auf einer hybriden SACD präsentiert wird, ist gesammelt und konzentriert, nicht zu brillant – weder die Vokalstimme noch das Klavier sind mit Härten bedacht. Eher wirkt manches wie ein um die Gedichte gelegter Flor.

Die 'Dichterliebe' ist der klare Höhepunkt dieses Programms. So frisch wie Schumann hier – mit Heine – wirkt, so beseelt, inspiriert und bei kompositorischen Kräften sind nur ganz große Künstler je in ihrem Schaffen anzutreffen. Prégardien fühlt das mit Michael Gees gemeinsam sehr gelungen nach. Eine schöne Liedplatte von poetischer Reife.


Dr. Matthias Lange, 08.09.2020

Label: Challenge Classics
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




Video der Woche:

Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

Unser Service:

 Schriftgröße   + / - 

Drucker Seite drucken

RSS RSS


Anzeige

NOTE 1 - Mitteilungen (9/2020) herunterladen (3402 KByte)