Magazin: CD-Kritiken
Duo animé - Werke von Dvorak, Janacek, Martinu, Suk

Details zu Duo animé - Werke von Dvorak, Janacek, Martinu, Suk: Lenka Matejakova, Dariya Hrynkiv

Duo animé - Werke von Dvorak, Janacek, Martinu, Suk: Lenka Matejakova, Dariya Hrynkiv

Glockenspiel und drohendes Schicksal

Tschechische Kammermusik für Violine und Klavier in einer neuen Aufnahme mit dem Duo Lenka Mat?jáková (Violine) und Dariya Hrynkiv (Klavier). Ihre Interpretationen sind allerdings noch ausbaufähig.

Das Leipziger Label Genuin bringt mit dem Künstlerduo Lenka Mat?jáková (Violine) und Dariya Hrynkiv (Klavier) eine Kammermusik-CD heraus, die ihren Fokus auf die tschechische nationale Schule richtet: ‚Kein halbes Jahrhundert liegen die Geburtsdaten jener vier Komponisten auseinander, die […] auf je eigene Weise die nationale tschechische Kunstmusik mitgeprägt haben. [Die Werke von] Antonín Dvo?ák, Leoš Janá?ek, Josef Suk und Bohuslav Martin? nähren Stile, für die Begriffe wie Romantik, Expressionismus und Neoklassizismus stehen‘, schreibt Karsten Blüthgen in seinem lesenswerten Booklet-Vorwort. Allerdings ist die Ausführung dieser Werke nicht restlos gelungen, weil die Interpretation zu gleichförmig angelegt wird und der Geigerin teils technisches Vermögen fehlt (zu wenig Variationsbreite ihres Vibratos) und die Aufnahme nicht über gutes studentisches Masterabschluss-Diplom-Niveau herausragt.

Inbegriff romantischen Ausdrucks

Die CD beginnt mit den beliebten, oft eingespielten vier 'Romantischen Stücken' op. 75 von Antonín Dvo?ák. Sie sind in einer Lieblichkeit und musikalischen Weise geschrieben und auch hier zu hören, die gleich Sympathie erweckt. Gleich die Nummer eins ('Allegro moderato') ist der Inbegriff romantischen Ausdrucks: Hier schwelgt die Geige über den harmonischen Fortbewegungen der Klavierstimme. Lenka Mat?jáková zeigt hier viel Gefühl und verfügt über ein geschmackvolles Portamento, spielt dieselben Stellen nicht nur hier immer mit dem gleichen Fingersatz. Dariya Hrynkiv am Klavier überzeugt mit nuancenreicher, präziser Anschlagskultur. Das ergänzt sich vorteilhaft. Härte zeigt der Zugriff der beiden im 'Allegro maestoso', aber warum nehmen die beiden hier so ein Sicherheitstempo? Dadurch wirken die ohne Ziel geführten 3-fach-Akkordschläge schlaff und müde. Zwar herrscht hier hin und wieder das fantastische, märchenhafte, erzählerische Element, das auch in Dvo?áks Oper 'Rusalka' regiert, aber beim Duo Mat?jáková/Hrynkiv gewinnt dieser künstlerisch wichtige Aspekt nicht die Oberhand.

Auf spitzen Füßen imitiert das Klavier Glockenspiel einerseits, andererseits drohendes Schicksal. Man hört, dass es kein Konzertflügel ist, der im Spiegelsaal des Barockschloss Rammenau/Sachsen zur Aufnahme im November 2018 zur Verfügung stand, denn der Sound im Bassbereich ist nicht endlos voluminös, aber das ist kein ausschlaggebender Einwand. Die Geige klingt über weite Strecken immer schön hier und ist durchhörbar, liegt wie Samt auf der Klavierstimme, aber das reicht nicht mehr heutzutage, wenn etwas später die Oktaven nicht ganz sauber intoniert sind, wie im 'Allegro appassionato', das vom Fluss her an die Nummer eins anknüpft. Hier blüht der Violinklang über einem in der Mittelstimme zirkulierenden Harmoniegerüst auf. Eine traurige Note bringt das 'Larghetto': Da fasst die Geigerin das geforderte Fortissimo nicht als Gefühlsausbruch auf, sondern bleibt resignierend in lethargischer Verzweiflung stecken. Zu schmerzerfüllt sind da die abwärts sinkenden Sexten. Der virtuose Mazurek e-Moll op. 49 ebenfalls von Dvo?ák ist, was die Intonation der Terzen eingangs angeht, inakzeptabel. Da verliert der Hörer schnell die Lust an dieser Geigerin, die sich mit Kollegen wie So Jin Kim oder Ioana Cristina Goicea nicht messen kann, um nur zwei Beispiele von Künstlerinnen zu nennen, die ebenfalls beim Label Genuin zuletzt veröffentlichten. Die Einengung nur auf tschechische Meister ist bei dieser Platte auch eher problematisch.

Auch Leoš Janá?eks (1854-1928) Violinsonate (1912/21) bringt nicht die Wende für die beiden Interpretinnen. Da ist der erste Satz zu leidenschaftslos gegeigt. Sicher ist das keine schlechte und auch keine langweilige Musik, aber eben plätschert hier alles ein wenig vor sich hin. Die 'Ballada. Con moto' beschreibt (1912!) zum Teil noch jenes Fin-de-siècle-Gefühl der Alten Welt vor dem Ersten Weltkrieg, eine Mischung aus Dekadenz und Märchen-Prinzessinnen-Welt. Aber die Violinistin beugt sich dort nicht tief genug hinein, findet nicht den Schlüssel, um jenes Geheimnis, das in dieser Musik steckt, zu lüften. Die Aufnahmebalance ist zudem arg violinlastig ausgelegt.

Schlanke Miniaturen

Noch zwei Werke unbekannterer Art sind auf dieser Neuveröffentlichung enthalten: Bohuslav Matin?s (1890-1959) viersätziges 'Intermezzo' H.261 sowie von Josef Suk die 'Vier Stücke für Violine und Klavier' op. 17. Als die 'Intermezzi' entstanden, lebte Martin?, gebürtig aus Ostböhmen, mit seiner Frau in Paris. Ein bisschen dieser unbekümmerten, lockeren Atmosphäre ist in diesen schlanken Miniaturen eingefangen. Es ist keine gedankenschwere Musik wie die eines Brahms, hier regiert mehr der zeitlose, heitere Unterhaltungssinn, aber auf eine sehr intime, freundliche Art. Auch hier wünscht man sich mehr geigerischen Zugriff, z. B. im marschartig-düsteren „Poco Allegro“. Da hat das Duo die möglichen Klangfarben noch nicht aufgespürt. Der Kontrast zum ruhigen 'Andante' dürfte gern noch deutlicher ausfallen. Das Klavier verbleibt auch hier zu blass im Hintergrund. Im letzten Satz weicht der Komponist hingegen der Konfrontation aus und schickt sein Kind hinein ins Volkstümliche, Heiter-Beschwingte: nichtssagend.

Als Matin?s Lehrer Josef Suk (1874-1935) als 26-jähriger seine 'Vier Stücke' verfasste, hatte er noch andere Vorstellungen. Seine Ballade atmet noch den Duft der Salons der Jahrhundertwende. Als Schwiegersohn Antonín Dvo?áks und bekannter Violinist hatte Suk sein kompositorisches Schaffen zunächst an sein berühmtes Vorbild angelehnt. Gewichtiger als Matin?s kleinformatige Sätze zeigt sich das erste der vier Stücke, allerdings ist Lenka Mat?jáková nicht darauf erpicht, aus den Noten eine entsprechend fantasievolle Geschichte zu erzählen. Ihr Vibrato ist auch hier zu schmal für ein hochromantisches Werk, manchmal zu dürftig oder fehlt ganz. Vieles klingt zu ähnlich, nicht abwechslungsreich phrasiert. Kurzum, es mangelt hier noch an künstlerischer Finesse. Leider gibt es auch im dritten Satz deutlich hörbare peinliche Intonationsschwächen, die Genuin-Tonmeister Alfredo Lasheras Hakobian so nicht hätte passieren lassen dürfen. Der letzte Satz ist eine streckenweise ziemlich platte Komposition, die nur auf Virtuosität gebürstet ist. Vielleicht ist dieses Urteil hart, doch die Veröffentlichungsflut auf dem CD-Markt lässt die Frage aufkeimen: Brauchen wir immer mehr mittelmäßige Einspielungen?


Manuel Stangorra, 13.01.2021

Label: Genuin
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Booklet: 




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