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Verborgene Schätze - Lieder von Friedrich Gernsheim

Details zu Verborgene Schätze - Lieder von Friedrich Gernsheim: Gernsheim-Duo

Verborgene Schätze - Lieder von Friedrich Gernsheim: Gernsheim-Duo

Zu zurückhaltend

Das Gernsheim-Duo dient den Bemühungen um 'seinen' Komponisten nur bedingt.

Wie wir wissen, ist viele Musik nicht nur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts heute vergessen. Friedrich Gernsheim (1839–1916) ist nur einer von vielen einer großen Menge an Komponisten, die spätestens nach dem Ersten Weltkrieg eher in den Hintergrund gerieten. Einer der Gründe ist – dies eine Binsenweisheit der Musikgeschichte – der eklatante ästhetische Wandel, der immer wieder Platz für neue Generationen schafft, die sonst angesichts einer übermächtigen Vergangenheit nie gehört werden könnten. Dies mag uns passen oder nicht – in Zeiten vor allem museal ausgerichteten Musikkonsums (wie viele zeitgenössische Musik hören sich sogenannte Klassik-Hörer täglich an?) bietet die Konserve eine hilfreiche ‚Erkundungsnische‘ für alles Mögliche und Unmögliche, das Ungedruckte, das zu Rekonstruierende, aber auch das einfach in der Bibliothek Vergessene.

Die Lieder von Friedrich Gernsheim mögen heute in den Bibliotheken schwerer zu finden sein als etwa jene seines Zeitgenossen Johannes Brahms, zum Teil weil sein Schaffen zur Nazizeit aus diesen entfernt wurde. Die Noten mehrerer seiner Liedopera stehen aber online zur Verfügung. Gernsheims Lieder (hier aus den Jahren 1868 bis 1907) sind ganz Kinder ihrer Zeit – Entwicklungen in Richtung eines Wolf, Brahms oder gar Reger und Pfitzner fanden nicht statt; am ehesten mag gelegentlich noch eine Nähe zu Richard Strauss aufblitzen. Insbesondere der Klaviersatz bleibt eher konventionell im positiven Sinne.

Zu zurückhaltend

 

So löblich die Bemühungen des Gernsheim-Duo Anna Gann (Sopran) und Naoko Christ-Kato (Klavier) prinzipiell sein mögen – ihr Zugang zu der Musik bleibt insgesamt leider allzu einförmig-zurückhaltend. Ganns eher instrumental geführter Sopran ist hörbar an der Musik des Barock geschult, damit leider für Gernsheims Lieder nur wenig geeignet. Die Texte der Lieder werden nicht voller Kraft ausgedeutet (der Text in der höheren Lage auch nicht immer verständlich), auch dynamische Steigerungen halten sich in Grenzen. Auch der Steinway-D-Flügel vergrößert eher die Konvention der Lieder, statt in neue Gefilde aufzubrechen. Der ‚historisch informierte‘ Zugang zu Musik dieser Zeit kann funktionieren (Barbara Schlick hat das im Fall Reger im Gefolge Agnes Giebels bewiesen), doch muss man dann Mut zum Risiko, auch zum Scheitern aufbringen. Wie ohne entsprechenden Mut eine Interpretation scheitern kann, erweist das 'Sturmlied' op. 74 Nr. 5, in dem die Gesangslinie nur eine Nebenlinie neben dem Klavierpart wird. Da freut man sich über den Abdruck der Liedtexte im Booklet, über den man ansonsten besser den Mantel des Schweigens legt.


Dr. Jürgen Schaarwächter, 07.01.2020

Label: Genuin
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