Magazin: CD-Kritiken
Tchaikovsky & Babajanian Piano Trios

Details zu Tchaikovsky & Babajanian Piano Trios: Vadim Gluzman, Johannes Moser, Yevgeny Sudbin

Tchaikovsky & Babajanian Piano Trios: Vadim Gluzman, Johannes Moser, Yevgeny Sudbin

Geballte Brillanz

Vadim Gluzman, Johannes Moser und Yevgeny Sudbin brillieren als Klaviertrio mit Tschaikowsky und Babadschanjan.

Drei Größen der Klassik – Vadim Gluzman (Violine), Johannes Moser (Cello) und Yevgeny Sudbin (Klavier) – haben sich ganz ohne eigenen Trionamen zusammengesetzt, um zwei außergewöhnliche Klaviertrios und ein ‚Bonbon‘ für das schwedische Klassik-Label BIS-Records zu stemmen: Die Klaviertrios a-Moll op. 50 von Peter Tschaikowsky und das Klaviertrio des armenischen Komponisten Arno Babadschanjan (Babajanian) sowie Alfred Schnittkes 'Tango' (aus der Oper 'Leben mit einem Idioten').

In 73 Minuten wird hier knackig zurechtgerückt, was schon immer klar war: Spielen die talentiertesten Musiker gemeinsam, kann es sehr gut gelingen. Die Regel gilt schon seit Cortot, Thibaud, Casals. In diesem Fall gelang es sogar fantastisch. Das hört gleich jeder Laie, wenn er Tschaikowskys Klaviertrio anklickt. Formal ist das Werk kurios, hat nur zwei Sätze, davon ein ausladender Variationssatz. Das ganze Trio entstand wie im Rausch im ‚Andenken an einen großen Künstler‘, Tschaikowskys guten Freund Nikolai Rubinstein, der 1881 in Paris gestorben war.

Mit unglaublicher Konzentration und Wärme im Ton gehen die drei Spieler hier zu Werke. Der Schmelz im Ton des Violinisten Gluzman ist Weltklasse, die sonore und bis in die höchsten Lagen seidig glänzende Tongebung des Cellisten Moser sind unerreicht und der mittlerweile in London ansässige russische Pianist Sudbin steuert das Geschehen mit klügster Motorik, brillantem Anschlag und exzellenter Akzentsetzung, bei stets wohldosierter Dynamik, denn der Pianist ist die Klammer jedes Klaviertrios.

Atemberaubend plastisch

Der erste Satz läuft wie geschnitten Brot. Spannung lugt da hinter jeder Kurve hervor, Expressivität durchglüht jeden Akkord, Phrasierungsbögen klingen musikalisch wie selbstverständlich. Das alles ist gepaart mit einem Höchstmaß an technischer Perfektion, lupenreiner Intonation und einem kräftigen Schuss Pathos, den dieses Werk unbedingt verträgt. Die leisen, nachdenklichen Passagen verlieren auch nie den Halt und die Crescendi sind atemberaubend plastisch. Klar, dass auch die Aufnahmetechnik von Produzentin und Sound Engineer Marion Schwebel, die übrigens eine Deutsche ist und sich 2013 selbstständig machte, auf höchstem Niveau rangiert. (Es ist erwähnenswert, dass das Label BIS vorbildlich in Sachen Umweltschutz agiert und gänzlich auf Kunststoff bei der Produktion von CD-Hüllen verzichtet.)

Im zweiten Satz fahren die Musiker ihre Leidenschaftlichkeit voll aus. Auch Märchenhaftes versprüht das Glockenspiel-Imitat im Klavierpart in Variation V, die dann in bezaubernd beschwingte Walzermelodien mündet, bei der sich Violoncello und Violine die Bälle nur so zuwerfen. Das ist große Kunst und original russischer Stil, der interpretatorisch besser nicht zu fassen ist. Unglaublich dazu ist die mühelos-technische Meisterschaft der drei in Variation VIII (Fuga), auch das sofortige Umschalten in die traumwandlerisch-elegische Stimmung des sich anschließenden Andante: eine Sternstunde der Kammermusik!

Richtig zur Sache geht es noch einmal im Piano Trio (1952) des hierzulande eher bedeutungslosen (warum eigentlich?) Armeniers Arno Babadschanjan (1934-1998). Das kleine christliche Land am Kaukasus taucht allenfalls in den Schlagzeilen auf, wenn es um den Völkermord 1915/16 und dessen Leugnung durch die Türkei geht. Aber kulturell und da vor allem musikalisch hat man in Eriwan einiges zu sagen. Freilich hat Babadschanjans Klaviertrio nicht Tschaikowskys Dimensionen und er hält sich auch an die klassisch-formale Dreisätzigkeit. Immerhin darf Cellist Johannes Moser, der hier wiederum wie ein Fisch im Wasser agiert, die langsame Einleitung – nach einem längeren Unisono mit der Geige – mit einem sonoren Cellosolo zelebrieren. Harmonisch lehnt sich der Komponist an den russisch-spätromantischen Eklektizismus an und ist gar nicht so weit von Tschaikowsky oder Rachmaninow entfernt, schließlich verbrachte er lange Studien- und auch Dozentenjahre in der russischen Hauptstadt.

Schmelztiegel der Gefühle

Auch im 'Allegro espressivo' herrscht ein elegischer Charakter vor, was den Streichern sehr entgegenkommt, denn deren Ton ist füllig, satt, gediegen, dank wertvoller Instrumente von geradezu goldenem Glanz. Das Zusammenspiel mit Yevgeny Sudbin, der mächtig das Klavier traktiert, gelingt wiederum mit nachtwandlerischer Sicherheit. Der Kontrast zwischen düsterem Schwelgen und markanter Rhythmik ist hier ausgeprägt. Infernalisch bündelt der Komponist im dritten Satz noch einmal alle seine Kapazitäten, so dass ein glutheißer Schmelztiegel der Gefühle lodert, der diese Musik ein bisschen exzentrisch erscheinen lässt, aber dennoch nah genug am Konsumenten dran ist. Das wirklich reife Interpretentrio, dass sich mit Schnittkes groteskem 'Tango' in einem pfiffigen Arrangement von Yevgeny Sudbin selbst die beste ‚Encore‘ genehmigt, die das Programm kurzweiligst abrundet, lässt absolut keine Wünsche offen. Bravo, bravissimo die Herren!


Manuel Stangorra, 02.11.2020

Label: BIS Records
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




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Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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