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Schubert - Last Piano Sonatas

Details zu Schubert - Last Piano Sonatas: Francesco Piemontesi, Klavier

Schubert - Last Piano Sonatas: Francesco Piemontesi, Klavier

Sonaten-Dreigestirn

Schubert letzte drei Klaviersonaten D958, D959 und D960 sind bei Francesco Piemontesi sehr gut aufgehoben.

Das Erbe ist groß. Viele Pianisten vor ihm haben die drei letzten Klavier-Sonaten von Franz Schubert aufgenommen, manche nur die letzte. Es sind vor allen Dingen diejenigen, die als sogenannte Lyriker oder als besonders ernste Interpreten gelten: Claudio Arrau, Alfred Brendel, Radu Lupu, András Schiff, Grigory Sokolow, um nur einige zu nennen. Ein weiteres pianistisches Schwergewicht fällt mit seiner besonders trägen Version völlig aus dem Rahmen: Valery Afanassiev.

In diese Gallerie reiht sich nun der ‚erst‘ 37-jährige Schweizer Pianist Francesco Piemontesi ein. Freilich, er war Schüler Alfred Brendels, was er bei seinem Spiel nicht verhehlt, im Gegenteil, dessen Intellekt nimmt er mühelos auf, ohne ganz so raffend wie sein Lehrer in dessen 1972er Decca-Einspielung den Kopfsatz der c-Moll-Sonate D 958 anzugehen. Im Übrigen ist Brendels Aufnahme eine bis heute sehr geachtete. Piemontesi verzichtet zum Glück nicht, wie Brendel, auf die Wiederholung der Exposition, was die Proportionen des hier rund 11-minütigen Kopfsatzes geraderückt, wenngleich er nicht ganz die Farbigkeit, das fantasievolle Spiel von András Schiff in dessen 1994er Decca-Produktion erreicht. Schubert hat ja immer etwas Liedhaftes. So singt Schiff im lyrischen Seitenthema besonders wohltönend. Auch der Looping zurück in die Reprise gelingt dem Exil-Ungarn vorbildlich.

Viel Charakter

Piemontesis Spiel hat sehr viel Charakter, nimmt in der Wiederholung der Reprise nahezu die Wendung ins Heroische. Vor allem ist die moderne Aufnahmetechnik natürlich angenehm störungsfrei. So kommt der Hörer dieser Pentatone-Produktion aus dem Jahr 2019 zu höchsten Hörgenüssen. In der Durchführung wird es klaviertechnisch heikel, was auch in Piemontesis Spiel zu erkennen ist; es geht ihm da nicht so locker von der Hand. Vor allem nimmt sein Pedalgebrauch zu und er versucht leider ein bisschen zu kaschieren. Die Sechzehntel ab T. 103 sind verschwommen, nicht mehr ‚schubertisch‘ klar. Da ist Radu Lupu, der das Tempo auch sonst insgesamt mehr rubato liest, präziser (Decca, 1976). Ihm gelingt ein geheimnisvolleres Spiel im Pianissimo ab T. 119, ehe er eine virtuose Kurve – viel harmloser ist sie bei Piemontesi – zur Reprise schlägt. Lupu hebt im Seitenthema die Melodie in der Mittelstimme wunderbar hervor: Auch die bewegten Triolen, wenn das Thema in die höhere Oktave springt, fließen besonders natürlich, so dass der Hörer sich in die romantische Landschaft Österreichs versetzt fühlt, die Schubert sicher vor Augen hatte. Erstklassig variiert der Komponist dieses Thema, wenn er es flockig mit Sechzehnteln umspielt. Da lebt alles auf.

Der Wechsel von Dur zu Moll, von Traum zu Realität – wie wir ihn kompositionstechnisch schon aus der 'Winterreise' kennen – findet hier seine finale künstlerische Vollendung. Geheimnisvoll wird es nach der Generalpause: Nach einpräludierender C-Moll-Harmonie brummelt es chromatisch-thematisch in der Kontra-Oktave, fast schon wie zu Beginn der legendären letzten Sonate D 960. Leider ist der Flügel da nicht ganz perfekt oder besser gesagt, man wünschte sich hier etwas mehr Deutlichkeit oder mehr Crescendo, denn die Tiefen klingen immer leise, wenn zu vorsichtig angeschlagen wird. Live im Konzert mag das wieder etwas anderes sein. Auch wünscht der Interpret ein langsames Auslaufen – sprich Ritardando – dieses Allegros, obwohl Schubert das ausdrücklich nicht schrieb.

Präziser Anschlag

Das sich anschließende Adagio in As-Dur hat im Charakter sehr viel Ähnlichkeit mit vergleichbaren Sätzen, etwa dem op. 30,2 'Adagio cantabile' von Beethoven. Ein Jahr nach dessen Tod irrlichterte der Geist des Heroen und ewigen Vorbildes Schuberts immer noch in dessen Komponierstube. Und was Piemontesi da klanglich herausholt, ist absolut ansehnlich. Auch dynamisch weiß er zu punkten, kann auf jeden Fall das Pianissimo noch einmal deutlich gegenüber dem Piano zurücknehmen und schafft so eine perfekte Texttreue. Schuberts ganzer Schmerz findet sich in geballter Form in der Des-Moll-Passage (!) ab T.19. Da helfen der großzügige, präzise Anschlag des Schweizers sowie sein unbestechliches Rhythmusgefühl. Beides trägt ihn durch diese bittere Wendung wie auf Fittichen. Er bringt den Satz sicher zu Ende. Leicht schwerfällig wirkt das 'Menuetto', in dem Piemontesi grübelnd stockt. Flotter ist der Schweizer im 6/8-Allegro des Finales: Da gewinnt eine schmetterlingshafte Leichtigkeit und Eleganz an Boden, wenngleich er die Sforzati ganz schön hinein schlägt in den Flügel. Schuberts Heiterkeit, seine Wanderlust, das Immer-Weiter-Streben, sind hier kongenial abgebildet. Verwirrend, wie die Hände mal rechts, mal links über die Tastatur sich kreuzen und das Spektrum eines ganzen Orchesters simulieren. Da brausen die Oktaven herauf und hinunter und da wächst Piemontesi über sich hinaus.

Etwas bedauerlich ist es bei diesem ansonsten schön gemachten Set, dass im Booklet nicht eine Silbe über den Pianisten zu lesen ist. Natürlich steht im Web jede Menge über ihn, doch gehört solche Information zu einer sehr guten CD. Auch sollte das Booklet nicht an das CD-Cover angeklebt sein, sonst kann es nicht separat zur Hand genommen werden.

Die A-Dur-Sonate Nr. 20, D 959, ist ebenfalls aus Schuberts Todesjahr 1828 und thematisch, wie die c-Moll-Sonate, mit Beethoven verknüpft. Piemontesi gelingt hier ein wackerer Einstieg ins Allegro. Am Ende der Phrase T. 6 setzt er ein musikalisches Fragezeichen, ehe seine Finger perlend die Triolenketten hinabgleiten. Frühlingshaft-heiter ist der Duktus des Eröffnungsthemas, das gleich darauf in anderer Form erscheint, um zum lyrischen Seitenthema im Pianissimo überzuleiten. Der Schweizer drückt hier auf die Tempobremse, ebenso in der Wiederholung der Exposition.

Im Vergleich zu Lupu oder Lili Kraus tritt das 2. Andantino bei Piemontesi auf der Stelle, hat kaum Zug. Die kreisende Bewegung des 3/8-Taktes kann sich bei ihm nicht vollends entfalten. Sein Andantino atmet Larmoyanz und Tragik. Da ähnelt er tempomäßig absolut seinem Lehrer Alfred Brendel, wobei dessen 1972er Universal-Produktion – noch analog – leider ein hohes Grundrauschen mitliefert. Doch sein Spiel flirrt nicht, es bleibt akademisch. Fein spinnt Piemontesi das 'Rondo'. Ein außerordentliches Finale, welches dynamisch klar gliedert, wobei sein Anschlag federt; da gelingt vieles, vor allem gibt es da Überraschungsmomente (T. 146ff.), die, als es ans Kreuzen der Hände geht, sogar Gänsehaut verursachen. Sein Klavierspiel ist hier rassig, vollblütig.

Sonderfall Sonate B-Dur D 960

Die letzte Klaviersonate von Schubert gilt vielen als Nonplusultra der klassischen Sonatenkunst. Der erste Satz mit einer Länge von über 20 Minuten Spieldauer benötigt Stehvermögen des Pianisten und geneigte, geduldige Zuhörer. Ein Hauch von Nostalgie verströmt sich, wenn Piemontesi – nicht ohne Wehmut – das Thema der Sonate vorträgt, welches durch seinen Triller in der tiefen Lage Weltberühmtheit erlangte. Er spielt mit diesem Thema auf fantastische Weise und entlockt ihm geheimnisvolle und gar heroische Ansichten. Die fortlaufende Chromatik spannt sich durch die Reihen, auch wenn es manchmal verspielt-biedermeierlich zugehen sollte. All das kann der Pianist wunderbar zeigen und noch mehr. Er ist ein verlässlicher Interpret, der sowohl dynamisch als auch von seiner Anschlagskultur zu überzeugen weiß, wenngleich er sich wie zum Ende des ersten Teils größere Ritardandi genehmigt, die nicht in den Noten stehen, doch der Text deckt diese Vorgehensweise indirekt. In der Durchführung artikuliert Piemontesi leider nicht einheitlich, wenn er die beiden auf die Halbe folgenden Achteln mal staccato, mal ins Pedal lang spielt. Das ist schade, sind aber nur Kleinigkeiten. Die große Anlage der Sonate verliert er nie aus dem Blick, so ist der Mittelteil vor der Reprise bezaubernd romantisierend.

Fast wie ein Gebet mutet das 'Andante sostenuto' an. Piemontesis Klavierspiel gefällt auch hier außerordentlich. Er macht sich die traurige cis-Moll-Welt des Franz Schubert zu eigen, ehe ein Lichtblick im bewegteren Mittelteil (A-Dur) mehr Licht verströmt. Doch immer pulsiert der Rhythmus, treibt das Geschehen voran, ehe die Musik stoppt und die Grabeskühle des Anfangs wiederkehrt. Technisch anspruchsvoll ist das flatterige Scherzo. Viel Delikatesse wendet der Interpret hier auf, um eine lichte, rasche Version zu präsentieren. Das Finale hält noch einmal alle Überraschungen bereit: Der Gong oder Uhrschlag eröffnet nicht nur das 'Allegro, ma non troppo', er kehrt auch noch dreimal wieder, unterbricht das luftige Geschehen, so als wolle er an den Tod erinnern, der jeden einmal ereilt. Und schließlich knallt es einmal – nach einer Generalpause – schicksalhaft ins verklingende C-Dur herein: Der f-Moll-Akkord im Fortissimo weckt selbst die ausgeglichensten Gemüter und zeigt seine Tragik an. Da bricht ein Kampf um Leben und Tod hervor, bis der Uhrschlag noch tiefer in die Krise führt und dann ein weiterer Schlag wieder heraus. Dazwischen liegt allerdings noch ein Dauerlauf. Das Krisenthema mutiert jetzt nach b-Moll, um dann in der Coda in einem Wirbelwind nach B-Dur zu entfliehen. Die B-Dur-Sonate liegt hier in einem fabelhaften Live-Mitschnitt eines Konzertes vom 14. Februar 2018 vor, aus dem Salle de musique in La Chaux-de Fonds (Schweiz).


Manuel Stangorra, 24.09.2020

Label: Pentatone Classics
Interpretation: 
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Repertoirewert: 
Booklet: 




Video der Woche:

Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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