Magazin: CD-Kritiken
Franz Liszt: Petrarca Sonnets 47, 104, 123

Details zu Franz Liszt: Petrarca Sonnets 47, 104, 123: André Schuen, Daniel Heide

Franz Liszt: Petrarca Sonnets 47, 104, 123: André Schuen, Daniel Heide

Starker Projekt-Auftakt

Dieses Liszt-Album ist in seinen Facetten und seinem Farbenreichtum ein wahrer Kosmos und weckt Lust auf mehr.

Eine Gesamteinspielung aller Lieder von Franz Liszt soll es werden, was sich der Pianist Daniel Heide vorgenommen hat. Und die erste CD dieser Edition ist nun beim Label Avi-Music erschienen. Daniel Heide begleitet dabei den jungen Südtiroler Bariton Andrè Schuen mit Liszts 'Petrarca-Sonetten'. Besonders reizvoll ist die kluge Zusammenstellung der CD: Franz Liszt hat oftmals Texte mehrfach vertont, es liegen verschiedene Varianten, Fassungen oder eben komplette Neukompositionen auch populärer Werke vor. Die 'Tre Sonetti del Petrarca' gibt es gleich dreimal – in einer frühen Fassung aus den Jahren 1842-1846, dann in einer reinen Klavierlösung aus dem späten 1840er-Jahren und schließlich die späte Vertonung derselben drei Sonette aus den Jahren 1864-1882. Alle drei Versionen füllen die vorliegende CD, die im November 2018 in Hohenems entstanden ist. Der Hörer ist eingeladen, Vergleiche zu ziehen, Entwicklungen zu verfolgen, tiefer in die Materie einzutauchen, als es vermutlich bislang der Fall war. Pure Wiederholung oder gar rein musikwissenschaftliches Vergnügen erwartet einen aber nicht – das Album ist in seinen Facetten und seinem Farbenreichtum ein ganzer Kosmos und weckt Lust auf mehr.

Inhalte genau durchleuchtet

Dieses enorme Spektrum an Nuancen ist den beiden Künstlern zu verdanken, die offenkundig einen kongenialen Zugang zu Liszts Musiksprache haben. Man weiß tatsächlich nicht, ob man von den Tastenkünsten Heides oder der überwältigenden Stimme von Andrè Schuen absorbierter sein soll. Die ersten drei Nummern des Albums stellen, ganz chronologisch, die frühen Petrarca-Vertonungen vor. Schuen setzt sich gleich zu Beginn kraftvoll und mit einer überraschenden Portion Vibrato opernhaft in Szene. Doch schon wenige Phrasen später zeigt sich, dass der überraschende Einstieg Teil eines fein ausgepegelten Gesamtkonzepts ist, das anhand von Liszts Vertonung die Inhalte genau durchleuchtet und keinen Takt dem Zufall überlässt. Wo kein Raum für Zufall zu sein scheint, stehen aber alle Türen offen für Inspiration. Und davon haben beide Künstler einen nahezu unerschöpflichen Vorrat. Jeder Moment ist durchdrungen von Ideen, von Gestaltungswillen, der aber nie künstlich oder gar aufdringlich daherkommt.

Schon am ersten 'Sonetto 104: Pace non trovo' von 1842 kann man sich kaum satthören. Andrè Schuens von Erdverbundenheit durchtränkte Stimme erklimmt mühelos die geforderten Höhen, die zu leuchten im Stande sind. Dem markanten Kern seiner Stimme gewinnt der Sänger aber ebenso zarte, weiche Töne und Linien ab. Wie ein verwehender Hauch endet das erste Sonett, aber wunderschön stabil in der Tongebung und in keiner Weise affektiert.

Wie sehr Schuen die Kunst des Intimen beherrscht, zeigen auch die folgenden Lieder. Die Bandbreite seiner Ausdrucksmittel ist schlicht beeindruckend. Ebenso entwaffnend ist der ‚große Ton‘, der ihm ebenso klangschön zu Gebote steht wie die leisen Passagen. Allein schon Schuens Stimmumfang macht staunen: Aus einer profunden Tiefe erwächst eine tenorale Höhe, die ohne Druck anspringt.

Fix und fertig

Nach guten zwanzig Minuten sind die ersten drei Petrarca-Sonette verklungen und man fühlt sich als Hörer überwältigt, um nicht zu sagen: Man ist bereits fix und fertig. Wie wohltuend sind an dieser Stelle die drei reinen Klaviervarianten derselben Sonette, die von Daniel Heide mit singenden Fingern gespielt werden. Er formuliert gewissenhaft jede Idee aus, verliert aber nie den großen Bogen aus dem Blick. Sein feiner, edler Anschlag fordert Konzentration beim Zuhörer, lässt diesen aber auch bisweilen träumen.

Die späten Petrarca-Vertonungen lassen wieder Schuen und Heide im Verbund zu Höchstform auflaufen. Klingende Gedanken dringen ausdrucksstark ans Ohr und viele kleine Momente lassen den Atem stocken, wie beispielsweise das letzte Piano auf ‚Benedetto‘ im 'Sonetto 47' oder die tiefgründigen Klaviernachspiele, die Daniel Heide beredt zur Diskussion stellt. Nach dieser emotionalen Tour de Force wirkt das berühmte ans Ende gesetzte 'Oh! Quand je dors' auf einen Text von Victor Hugo wie eine erlösende Zugabe: sanft, versöhnlich – in jeder Hinsicht gewinnend. Da freut man sich auf die nächsten Liszt-Lieder-Aufnahmen, die hoffentlich bald folgen – dann aber mit zumindest einer englischen, wenn nicht gar deutschen Übersetzung der Liedtexte im Beiheft. Die Unsitte, Texte bzw. Libretti nur noch online zugänglich zu machen, bleibt rätselhaft für denjenigen Käufer, der sich bewusst entschlossen hat, eine CD auch der Haptik und des Booklets wegen zu kaufen. Vielleicht besteht in diesem Punkt für die weiteren Publikationen noch Hoffnung.


Benjamin Künzel, 16.12.2019

Label: CAvi-music
Interpretation: 
Klangqualität: 
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Booklet: 




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