Magazin: CD-Kritiken
Russian soul en route

Details zu Russian soul en route: Werke von Mikhail Kollontay (Viola- und Klavierkonzert)

Russian soul en route: Werke von Mikhail Kollontay (Viola- und Klavierkonzert)

Ausleuchtung der russischen Seele

Mikhail Kollontays Werke beeindrucken mit emotionaler Polarität.

Hört man russische Seele, denkt man sofort an melancholische Melodien und ‚Schwarze Augen‘-Folklore. Mikhail Kollontays neue CD 'Russian soul en route' ist weit davon entfernt. Seine Kompositionen für Orchester, Klavier bzw. Viola leuchten die russische Seele zwischen Poesie und den Grenzen ihrer Leidensfähigkeit, zwischen Harmonien und extremen Dissonanzen aus. 

Kollontay, 1952 in Moskau geboren, als Chorsänger aufgewachsen, Komponist und Pianist, ist ein Meister darin, klassische Kompositionen zu fraktieren und neu zusammenzufügen. Er selbst verweist auf Peter und Boris Tschaikowsky und die Kirchenlieder des 19. Jahrhunderts als Ideengeber, woraus er Motive nach seiner Fasson entlehnt. Hier stellt er zwei extrem unterschiedliche Konzerte vor, gleichzeitig zwei großartige Solisten, die taiwanesische Violinistin Nai-Yueh Chang und den russischen Pianisten Alexei Kornienko, die zusammen mit dem Symphonieorchester Moskau unter Kollontays Dirigat die kompositorische Wucht der Kompositionen ausgesprochen expressiv zur Wirkung bringen.

Aggressive Wucht

Im dreiteiligen Konzert für Viola und Orchester op. 8 (1990) sucht die russische Seele trotz ständiger Revolten und kriegerischer Auseinandersetzungen Trost in berührenden Harmonien. Nai-Yueh Chang spielt zu Beginn eine Umkehrung von Tschaikowskys Kinderlied 'Legende' sehr ruhig und satt, das sich aber schnell in überaus virtuos in dissonante Klangfärbungen verwandelt, durch unerwartete Nuancen seitens der Bläser und des Orchesters intensiviert. Instrumentalstimmen tönen wie Echos aus allen Richtungen unheilvoll, die Schlagwerke verstärken die aggressive Wucht, woraus sich ein vorausmarschierendes Inferno ergibt. Die Viola antwortet mit lyrischer Klage in allen Tonlagen zuerst gelassen. Umso dramatischer wirken die folgenden schrillen Dissonanzen das Wechselspiel von Kriegsmaschinerie und menschlichen Elend. Unter den hohen Tonlagen tosen Feuer und Kampf. Die Piccolo-Flöte munter voran, in deren Gefolge die wuchtige Klangmaschinerie des Orchesters eröffnet sich in motivischen Wiederholungsschleifen nach jedem anklingenden Hoffnungsschimmer, hauchzarten Trillern, märchenhaft anmutender Weltvision und einem scheinbar endlosen Ton der Harmonie noch brachialer die Apokalypse. 

Ganz anders präsentiert sich Kollontays 'Erstes weißes Konzert für Klavier und Orchester' (1984/2010). Eine einfache, sehr charismatische Flötenweise, macht im ersten Satz 'Andante tranquillo' in auf- und absteigenden Harmonien die Ruhe einer Schneelandschaft spürbar, in die Alexei Kornienko durch die Klavierakkorde markante Kontraste setzt und andere Instrumente die Ruhe durch versetzte Wiederholungsmuster verstärken. Die Klangcluster oszillieren zwischen gelassenen Tempi, filigranen Tonkristallen, verdichten sich zu wilden Naturschauspiel. Bedrohliches Chaos und einzigartiges Erleben werden auch hier zur musikalische Metapher für die Höhen und Tiefen menschlichen Dramas.

Keck wie ein Kinderreim beginnt der zweite Satz 'Vivace capriccioso e leggiero'. Wieder verwandelt sich eine harmonische Melodie in raffinierte, sich kraftvolle steigernde Dissonanzen, in denen der Kinderreim kurz aufblitzt, wodurch sich ein narratives Perspektivspiel als spannendes Psychogramm zwischen erwachsenen Erlebens und kindlicher Vergangenheit entfaltet, das mit Dramatik in einem Happy-End kulminiert und in einer schlichten Weise endet. Egal wo und wie die russische Seele beleuchtet wird, sie ist immer hochdramatisch.


Michaela Schabel, 01.09.2020

Label: TYXart
Spielzeit: 61:55
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




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