Magazin: CD-Kritiken
Schubert, Franz: Winterreise

Details zu Schubert, Franz: Winterreise: Ian Bostridge, Thomas Adès

Schubert, Franz: Winterreise: Ian Bostridge, Thomas Adès

Anders als die anderen

Eine 'Winterreise' in der Tradition von Benjamin Britten und Peter Pears – absolut radikal neu gedacht und umgesetzt. Mit dem zeitgenössischen Komponisten Thomas Adès in der Rolle des klavierspielenden Mastermind als eigentlichem Ereignis.

Als ich in den 1990er-Jahren an der FU Berlin Musikwissenschaft studierte, erschien gerade das Buch 'Queering the Pitch: The New Gay and Lesbian Musicology', herausgegeben von den US-amerikanischen Forschern Philip Brett, Elizabeth Wood und Gary C. Thomas. Darin fand ich u. a. Artikel zu Georg Friedrich Händel, Benjamin Britten und Franz Schubert. Sie waren für mich damals so etwas wie ein Augenöffner und Wegweiser. Und obwohl ich nie ein besonderer Schubert-Fan war, ist die Geschichte rund um den Skandal-Artikel von Maynard Solomon bei mir hängengeblieben. Sein 'Franz Schubert and the Peacocks of Benvenuto Cellini' schlugen in der Klassikszene ein wie eine Bombe. Schubert-Forscherinnen wie die jüngst verstorbene Rita Steblin ließen in den Folgejahren keinen Stein unumgedreht, um zu beweisen, dass ‚Franzl‘ auf gar keinen Fall ‚schwul‘ gewesen sei und Solomon vollkommen falsch lag. Was angesichts der Quellenlage weder so rum noch andersrum endgültig zu belegen ist. Jeder kann das also so sehen bzw. hören wie er oder sie will. Und das ist gut so.

Teenager in Großbritannien

Anders ist die Situation heute bei Komponisten wie Thomas Adès, der in verschiedenen Interviews erzählt hat, wie es für ihn war, als schwuler Teenager in Großbritannien aufzuwachsen und was Musik für eine Rolle dabei spielte. Das machte mich sofort neugierig auf die neue 'Winterreise' bei Pentatone, weil Adès da als prominenter Klavierbegleiter auftritt, zusammen mit Tenor Ian Bostridge. Der hat sich ja bekanntlich mit seinem androgynen Wesen und Gesang seit Jahrzehnten eine Fangemeinde bei schwulen Klassikfreunden aufgebaut, gleichwohl er sich in verschiedenen Schriften explizit gegen (!) eine schwule Inbesitznahme von Schubert ausgesprochen hat (und selbst mit einer Frau verheiratet ist, nur damit hier keine Missverständnisse aufkommen).

Wie dem auch sei, bei der Paarung Adès/Bostridge musste ich an die berühmte Partnerschaft von Peter Pears und Benjamin Britten denken, die auch eine 'Winterreise' herausgebracht haben, bis heute ein Klassiker. Nun also wiederum aus Großbritannien eine 'Winterreise' mit einem gefeierten zeitgenössischen Komponisten am Klavier und einer Peter-Pears-artigen Tenorstimme. Für Bostridge ist es schon die dritte Aufnahme des Zyklus. Sie entstand im September 2018 in der Wigmore Hall, London.

Grelle Vokaleffekte

Es ist eine in jeder Hinsicht lebendige Interpretation – voller Akzente, die grellste Vokaleffekte nicht scheuen. Ich persönlich mag solch plastisches Singen, auch wenn Bostridges Behandlung der deutschen Sprache mich nach und nach in den Wahnsinn trieb. Weil er in den 24 Liedern immer wieder über die banalsten Wörter stolpert, was Aussprache betrifft. Meist sind es nur leichte Vokalverfärbungen, die aber nebensächliche Sätze unfreiwillig ins Rampenlicht rücken und Inhalte seltsam verzerren oder unnatürlich wirken lassen. Und das von Peter Pears übernommene Anschieben und Anschwellenlassen von Tönen ist ebenfalls Geschmacksache. Ich kann damit rein gar nichts anfangen. Allerdings empfinde ich die quasi elfenhaft-leicht dahingesungenen Liedzeilen als sehr viel angenehmer als das Erdenschwere von Aufnahmen wie der von Hans Hotter. Bei dem ist Sprache zwar eine absolute Selbstverständlichkeit, die nie störend zwischen ihm und dem Zuhörer steht. Aber durch den Wotan-Klang wird man von Tragik fast erdrückt. Während bei Bostridge alles eine Luftigkeit hat, die gut in die moderne Zeit passt.

Fast improvisiert

Das echte Ereignis dieser CD ist allerdings das Klavierspiel von Thomas Adès. Ich würde sogar sagen, er stiehlt seinem Sänger die Show, ohne sich irgendwie unangenehm in den Vordergrund zu drängeln. Meine Aufmerksamkeit ist quasi von selbst auf den Klavierpart gelenkt worden, weil da so viele Schattierungen, so viel Zartheit, so viel Drama, so viel Leidenschaft zu hören ist, wie ich das sonst von keiner anderen Aufnahme kenne. Mit Adès am Klavier sind diese zwei Dutzend Lieder eine große emotionale Reise, die zeitweise fast improvisiert wirkt, absolut spontan und doch genau durchkalkuliert, flexibel in den Tempi, mit wunderbaren Rubati und einem Einfühlungsvermögen, das ich spektakulär nennen möchte.

Ob das etwas mit sexueller Orientierung zu tun hat? Natürlich nicht; es sei denn, man unterstellt homosexuellen Männern, dass sie sich eher als ihre heterosexuellen Kollegen gegen Konventionen und Normen auflehnen und mehr Mut zu Emotionalität haben. Beides trifft, rein technisch, auf das Klavierspiel auf dieser CD zu. Die Unkonventionalität des Spiels lenkt die Aufmerksamkeit des Hörers weg von den Worten Wilhelm Müllers, weg von der Gesangslinie und hin zu der dritten Dimension: der Begleitung. Hier ist es keine Begleitung, hier ist es das Eigentliche. Das ist ganz großartig. Und von Tontechniker Philip Sidney zusammen mit Produzent John Fraser vom Klang her ideal eingefangen.

Identifikationsfigur

Angesichts der Aussagekraft von Adès‘ Spiel ist es fast schade, dass im Booklet nur Bostridge zu Wort kommt mit einem Schubert-Aufsatz, den er schon 2015 im Guardian veröffentlicht hatte. Mich hätte mehr interessiert, was Adès zu Schubert zu sagen hat. In seinem großen Times-Interview von 2011, wo er über die Zusammenhänge von Sexualität und Musik spricht, kommt nur Tschaikowsky als Identifikationsfigur vor, nicht Schubert. Aber offensichtlich zieht ihn auch Schubert magisch an.

Ich hoffe, Adès wird noch mehr Schubert einspielen. Denn er hat viel zu sagen mit dieser Musik, die unter seinen Händen zu einem Kaleidoskop von Stimmungen gerät, die scharf gegeneinander gestellt sind sowie teils wild hervorbrechen und aufeinanderprallen. Das ist eine radikale und neue Lesart, die auf ihre Weise fast so radikal und neu ist wie ehemals Maynard Solomon mit seinem Aufsatz und Susan McClary mit ihrem Essay 'Constructions of Subjectivity in Schubert‘s Music' aus 'Queering the Pitch'. Und so schließen sich die Kreise. Wenigstens für mich.


Dr. Kevin Clarke, 07.10.2019

Label: Pentatone Classics
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




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Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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