Magazin: CD-Kritiken
Bruckner, Anton: Complete Piano Music

Details zu Bruckner, Anton: Complete Piano Music: Francesco Pasqualotto, Klavier

Bruckner, Anton: Complete Piano Music: Francesco Pasqualotto, Klavier

Bruckner auf dem Klavier

Vor allem Bruckner-Enthusiasten können die Lücke im Pianistischen um der lieben Vollständigkeit willen füllen, müssen es aber nicht. Francesco Pasqualotto entledigt sich dieser gewiss nicht sehr dankbaren Aufgabe mit Können und Geschmack.

Anton Bruckner ist nicht für seine Klaviermusik berühmt geworden. Dabei gibt es eine kleine Reihe von Kompositionen für Klavier, die in seinem Gesamtwerk gleichwohl sehr am Rande stehen und im pianistischen Repertoire keine Rolle spielen. Nur sehr wenige Platten mit dieser Musik sind erhältlich, keine davon bringt alles für zweihändiges Klavier. An diesem Punkt setzt die aktuell bei Brilliant Classics erschienene Platte des italienischen Pianisten Francesco Pasqualotto an, die mutmaßliche Vollständigkeit für sich in Anspruch nimmt. Das heißt zugleich: Es ist auch manch wenig gelungene Skizze oder nicht endgültig ausgearbeitete Szene darunter. Deshalb ist es nicht ganz einfach, diese Platte zu hören: Am Anfang muss der Hörer vergleichsweise tapfer sein, wenn die 1850 entstandenen vier 'Lancier-Quadrillen' erklingen, mit spieluhrhaft-munterem Impuls, aber ohne tatsächliche Inspiration, in betont regelmäßigem Bau, der gelegentlich starr wirkt. Diese Sätze sind wie viele andere auch dem Reich der Schularbeiten oder dem des Angelegentlichen zuzurechnen. Sie haben nicht nur diskografisch, sondern auch in der umfangreichen Bruckner-Publizistik wenig Widerhall gefunden, wurden stiefmütterlich behandelt. Und die Brilliant-Platte unterstreicht: Das ist mit guten Gründen so. Viele der kleinen Sätze reichen kaum über einen hingeworfenen Gedanken hinaus, sind nicht ohne Schönheit oder unmittelbaren Reiz, aber eben klavierästhetisch nicht ganz zu Ende gebracht. Dazu gehören auch das vergleichsweise bekannte Klavierstück in Es-Dur von 1856 oder die beiden Studien von 1862.

Vehikel oder Medium

Auch Bruckner selbst maß seinen sämtlich zwischen 1850 und 1868 in St. Florian und Linz entstandenen Klavierarbeiten keinen übergroßen Wert bei: Er schätzte das Klavier eher als Vehikel, das ihm bei der Entstehung der größeren Werke half, oder als Medium häuslicher Innerlichkeit – jedenfalls nicht als Größe affektiver Dringlichkeit oder als Sphäre seines eigenen Ausdruckswollens. Insofern steht ohnehin in Frage, ob Bruckner selbst je an öffentliche Aufführungen gedacht, an Veröffentlichung überhaupt gedacht hat oder nicht vielmehr eine Vollständigkeitssehnsucht der Brucknerianer erst zur Wahrnehmung dieses Nebenwegs in seinem musikalischen Werk geführt hat.

Einige Mini-Zyklen wie die 'Vier Fantasien' von 1862 haben reizvolle Ansätze in Material und Stimmung, wirken aber merkwürdig wenig ausformuliert. Ein Sonatenfragment aus demselben Jahr deutet eine komplexere Klaviersprache zumindest an, die Bruckner aber nicht weiterverfolgt hat. Schließlich gemahnen einige Arbeiten an den großen Adagio-Künstler der Sinfonien: Das Charakterstück 'Stille Betrachtung an einem Herbstabend' von 1862, die 'Fantasie in G' von 1868 und schließlich 'Erinnerung', ebenfalls von 1868, das mit der Vortragsbezeichnung ‚langsam, innig‘ in ebendiese Richtung weist.

Eine Notiz am Rande: Angesichts dieses knappen, auf einer Platte versammelten Konvoluts ist es schwer vorstellbar, wie sich auf anderen Ebenen – etwa in den drei Messen und der ersten Sinfonie – parallel dazu eine Künstlerschaft außerordentlichen Formats manifestierte, wie der große Sinfoniker reifte. Und doch war es so.

Mit Können und Geschmack

Francesco Pasqualotto hat sich damit einer schwierigen Aufgabe gestellt: Diese Musik in ihrer Miniaturhaftigkeit und in ihrem kursorischen Charakter lebendig werden zu lassen, das Schlichte nicht überpianistisch aufzufassen, den Stücken nichts aufzubürden, das sie nicht tragen könnten oder etwas abzunötigen, das sie nicht in sich hätten: Man kann affektiver Harmlosigkeit mit pianistischem Vermögen allein eben oft nicht recht beikommen. Er löst sich aus diesem Dilemma überzeugend, wirkt manuell unangefochten, auch in den von ihm gewählten raschen Tempi, die allenfalls gelegentlich zu sehr motorisch drängen. Doch gibt es als Kontrast auch seelenvolle Verinnerlichung. Die bekommt vor allem den gelegentlich aufscheinenden Lyrismen, die Pasqualotto mit Geduld und wachem Sinn ausgestaltet. Dynamisch sind keine ganz großen Gesten zu hören; der Bezirk des Heimeligen, Abgezirkelten wird nur in wenigen Sätzen verlassen. Der Italiener bevorzugt einen sehr fokussierten, klar konturierten, geradezu knappen Anschlag, ohne jede Pedalvernebelung: Das trifft sehr oft den Kern der Musik, wirkt allerdings gelegentlich auch karg. Die schon angesprochene lineare Qualität kontrastiert sehr gelungen mit dieser Sphäre. Pasqualotto spielt offenbar auf einem – durch seine pointierte Artikulation gebändigten – modernen Instrument. Vielleicht hätte ein Flügel der 1850er-Jahre noch differenziertere Ergebnisse ermöglicht: Wie hätte wohl Bruckners eigener Bösendorfer mit diesen Sätzen geklungen? Apropos: Das Abbild des Flügels ist einerseits stimmig, balanciert und durchaus reich an Strukturen, wirkt insgesamt aber etwas verhangen, mit einem Mangel an Brillanz.

Am Ende ist die Bilanz also gemischt: Vor allem Bruckner-Enthusiasten können die Lücke im Pianistischen um der lieben Vollständigkeit willen füllen, müssen es aber nicht. Denn das Bild der Kompositionen ist heterogen und reicht von starrer Harmlosigkeit bis zum hübsch anformulierten Gedanken. Bruckner vertraute dem Klavier offenkundig und für jedermann hörbar nicht sein ganzes, auch in diesen frühen Schaffensjahren schon eminentes kompositorisches Vermögen an. Francesco Pasqualotto entledigt sich dieser gewiss nicht sehr dankbaren Aufgabe mit Können und Geschmack.


Dr. Matthias Lange, 11.09.2019

Label: Brilliant classics
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




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