Magazin: CD-Kritiken
Werke von Zoltan Kodály

Details zu Werke von Zoltan Kodály: Julian Steckel, Paul Rivinius, Antje Weithaas

Werke von Zoltan Kodály: Julian Steckel, Paul Rivinius, Antje Weithaas

Einfachheit als Prinzip

Der Geist des Singens bewahrt den Menschen davor, zur Maschine zu werden - dieses Postulat bestimmt den Duktus der Werke von Zoltán Kodály für sein Lieblingsinstrument, das Cello. Julian Steckel geht diesem Phänomen auf den Grund.

Die Beschäftigung mit dem ungarischen Komponisten Zoltán Kodály zieht sich wie ein roter Faden durch die Biographie des Cellisten Julian Steckel. Mit 37 Jahren setzte er jetzt einen ersten Punkt, indem er beim Label CAvi-Music von Deutschlandradio Kodálys op. 4, op. 8 und op. 7 einspielte. Op. 4 und op. 7 sind Duos mit Klavier oder Violine. Hierfür gewann Steckel seinen langjährigen Klavierpartner Paul Rivinius und seine Lehrerin Antje Weithaas. Op. 8 ist Kodálys einzige Cello-Solosonate und im Standard-Repertoire jüngerer Cello-Virtuosen mittlerweile beliebter als die Bachschen Solosonaten.

Narratives Spiel

Op. 4 für Cello und Klavier plante Kodály als dreisätziges Werk. Bis zur Uraufführung 1910 in Paris mit seinem Freund Béla Bartók am Flügel und dem Cellisten Jenö Kerpely lagen zwei Sätze vor. Erst 1922 komponierte Kodály den dritten Satz, der allerdings zu den ersten beiden stilistisch nicht passen wollte. Zwischenzeitlich hat sich dieser dritte Satz als Sonatina verselbständigt. Lediglich die Opuszahl erinnert an den ursprünglichen Plan.

Julian Steckel und Paul Rivinius sind ein eingespieltes Team. Mühelos wirkt beider Zusammenspiel. Technische Grenzen haben sie weit hinter sich gelassen. Ihr Können basiert auf Beherrschung. Die Faszination, die sie selbst auf einem Tonträger ausstrahlen, resultiert aus dieser Fähigkeit mit der Wirkung eines narrativen Spiels, das den Hörer nicht mehr loslässt.

Analytisch und mit Verve

Op. 4 beginnt mit einem Klaviersolo im Stil einer freien Improvisation. Spätestens mit dem Einsatz des Cellos ist klar, beiden Interpreten geht es nicht um Gefühlsüberschwang oder mitreißende Emotionalität. Tiefe Versenkung in die Partitur, präzise Analyse dessen, was der Komponist beabsichtigte, an Material verwendete und zu Papier brachte, trifft eher ihre Interpretationsweise. Sie ist geprägt von kühler Sachlichkeit, ausgeführt mit Verve, fesselnd, stimmig.

Manifest des Cellospiels

Kodály gelang mit der Komposition der Solosonate für Cello op. 8 ein epochales Werk, wie es nach J. S. Bach kein vergleichbares mehr gab. Er hatte sich am großen Vorbild orientiert, als er eine Scordatura einführte, um auf den heruntergestimmten tiefen Saiten das 'Allegro maestoso ma appassionato' mit einem mehrfach kräftig angestrichenen h-Moll-Akkord zu eröffnen. In Kodálys Musiksprache ist man dazu verleitet, nach volkstümlichen Weisen zu suchen. In op. 8 zitierte er keine Note, sondern erfand neue Weisen im Geiste seiner Forschungsarbeit. Dass das Werk zum neuen Testament des Cellospiels avancierte, lag indes an der geforderten technischen wie musikalischen Meisterschaft.

Nur die Größten wagten diese Herausforderung. Allen voran Janós Starker. Er war gerade 15 Jahre jung, als er Kodály die Solosonate erstmals vorspielte. Mit vier Einspielungen dokumentierte er nicht nur seine Fortentwicklung in der intensiven Auseinandersetzung mit diesem Werk, sondern hinterließ quasi sein Manifest. Auch Julian Steckel studierte erstmals mit 15 Jahren Kodálys Solosonate. Dann besuchte er Meisterkurse bei Janós Starker. Seine vorliegende Einspielung belegt jenseits der technischen Reife vor allem tiefes Verstehen dieser Komposition.

Extravagante virtuose Techniken quer über alle Saiten bis in die extrem hohen Lagen, Spielweisen, die von der Griffhand gleichzeitiges Pizzicati fordern, während die Bogenhand zeitgleich dem ruhigen Fluss der Kantilenen folgt, jegliche Arten der Bogentechnik und Doppelgriffkombinationen, um schnelle Wechsel zwischen orchestraler Fülle und Zupf-Fidel-Volkstümlichkeit zu erzeugen, beschreiben ansatzweise die Erfordernisse an den Solisten.

Steckel hat die typische Idiomatik ungarischer Musik verinnerlicht, erzeugt in der Differenzierung von Diskant und Bass eine bruchlose Mehrstimmigkeit. Sein Spiel zeichnet sich durch melodische und rhythmische Kraft aus. Souverän meistert er die spektakuläre Virtuosität und besticht durch Deutlichkeit und Klarheit jeder Note. Obwohl physisch wie psychisch extrem gefordert, wirkt seine Technik leicht und unkompliziert, seine Interpretation verinnerlicht und wahrhaftig.

Brillanz in den Extremen

Eben solche Hörerfahrungen erlebt der Zuhörer im Duo op. 7 für Cello und Violine mit Antje Weithaas. Anders als die Solosonate ist op. 7 ein Zeugnis ungarischer Bauernmusik, dominiert von der Pentatonik, durchsetzt von ekstatischen Zigeunerweisen, schwärmerischen Intermezzi und folkloristischen Spielarten, die zu rustikaler Interpretation verleiten. Antje Weithaas und Julian Steckel lassen alle Rauheit außen vor. Stattdessen einmütig, ideal aufeinander eingespielt, begeistern sie durch tänzerische Rasanz und brillante Zartheit in den Extremen. Ihre Wiedergabe ist zupackend leidenschaftlich oder lustvoll verspielt, selbst im turbulenten Presto Ton für Ton präzise und klanglich perfekt ausgewogen. Ein herrliches Zusammenspiel und eine Hommage an Kodály als Künstler mit Forschergabe.

In Ergänzung zur Aufnahme verlockt der Einführungstext im Booklet von Eva Blakewitz zur intensiven Beschäftigung mit dem Komponisten und seinen Werken. Anstelle der üblichen Vita spricht der Cellist über das Postulat der Leichtigkeit und Einfachheit als Kernprinzip des Spielens. Das hat er verinnerlicht. Großartig!


Christiane Franke, 03.08.2020

Label: CAvi-music , VÖ: 28.06.2019
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




Video der Woche:

Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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