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Diaphenia - Englische Liebeslieder aus drei Jahrhunderten

Details zu Diaphenia - Englische Liebeslieder aus drei Jahrhunderten: Marie Luise Werneburg

Diaphenia - Englische Liebeslieder aus drei Jahrhunderten: Marie Luise Werneburg

Nympha britannica

Marie Luise Werneburg wirft einen ästhetisch ambitionierten, vom Programmkonzept nicht ganz gelungenen Blick auf das englische Renaissancelied.

Die Sopranistin Marie Luise Werneburg hat es sich nicht leicht gemacht mit der vorliegenden Programmierung. Ganz im Gegenteil – wer sich mit ‚englischen Liebesliedern‘ befassen will, muss aufpassen, dass er schottische, irische oder walisische meidet. Und wer von Musik ‚aus drei Jahrhunderten‘ schreibt, sollte diese Periode auch abdecken und sich nicht bloß auf die jeweiligen ‚Außenbezirke‘ um 1600 bzw. ab 1880 beschränken. Hätte die vorliegende Produktion auf den Untertitel verzichtet, wären viele der rein programmbezogenen Einwände gänzlich unnötig.

Englische Renaissance

Werneburgs Liebe gehört eindeutig den Lautenliedern der englischen Renaissance – knapp die Hälfte der dargebotenen Werke entstand von 1600 bis 1652. Gerne wird dies als das Goldene Zeitalter der britischen Musik bezeichnet – eine natürliche Wahl für die ausgewiesene Spezialistin für Alte Musik. Diese Musik bietet sie mit mirakulöser Schönheit, gelegentlich vielleicht mit etwas zu wenig ‚drive‘ (Morleys 'It was a lover and his lass') unterstützt nicht nur durch den Lautenisten Michael Freimuth, sondern auch durch die Gambistin Frauke Hess und die Blockflötistin Elisabeth Champollion, die sich nicht nur gelegentlich etwas zu sehr in Verzierungen ‚austobt‘, sondern deren Instrument leider auch häufiger die Balance zwischen Singstimme und Laute durch zu große Lautstärke stört. Nicholas Laniers 'Thou art not fair' von 1652 passt stilistisch nicht mehr ganz zu den anderen Beiträgen.

Der zweite Teil der CD umfasst, wie im Booklettext zu lesen steht, Musik des 20. Jahrhunderts; außerdem habe die Sängerin bei ‚einem führenden britischen Komponisten des 21. Jahrhunderts‘ zwei Lieder in Auftrag gegeben. Ehrlich gesagt war mir der gemeinte Komponist (Joby Talbot, 1971 geboren) bislang gänzlich unbekannt – ich hätte bei der Lektüre mit John Pickard, George Benjamin oder Thomas Adès gerechnet. Hubert Parrys entzückendes 'O mistress mine' datiert, dies vermerkt auch das Booklet, von 1886. Mehr noch: Warum 'Elizabethan Songs' des Amerikaners Dominick Argento programmieren, wenn es genügend Repertoire im britischen Lied des 20. Jahrhunderts gibt? Und auch hier merkwürdig – nicht etwa das ganze 20. Jahrhundert im englischen Lied wird hier abgebildet.

Über die Lieder von Argento und Talbot deckt man besser den Mantel des Schweigens – mit britischer Musik im eigentlichen Sinne haben beide Komponisten wenig im Sinn. Während Talbot allzu offensichtliche Referenzen zur Renaissancemusik zu ziehen versucht (Begleitung mit Laute und Gambe), von der melodischen Substanz her aber schwach bleibt, sind Argentos Lieder, obschon von hohem musikalischen Reiz, allzu offenkundig amerikanisch und stören so das selbstgesetzte ästhetische Konzept. Dass auch hier die Singstimme nicht ganz der Musik gemäß scheint, würde am Vergleich mit anderen Interpretationen hier wahrscheinlich gleichfalls schnell offenkundig.

Mirakulös ausgesponnen

Doch genug damit. Werneburgs Konzept ist kein historisch geprägtes, sondern ein ästhetisch unterfüttertes – sie platziert die Renaissancelieder im Dialog mit neueren Schöpfungen häufig desselben Textes, auf Texte aus der Tudorzeit. Da finden sich Raritäten von William Denis Browne, Peter Warlock (ja, auch von Warlock sind viele Lieder immer noch eher unbekannt), selbst E.J. Moeran und Benjamin Britten. Überall ist Werneburg die melodische Linie, die zumeist mirakulös ausgesponnen wird, wichtiger als die Textausdeutung; hierdurch wird die musikalische Eigenart mancher Stücke beeinträchtigt – auch weil der Klavierpart (Christian Peix) im Vergleich zur Singstimme (möglicherweise durchaus entsprechend der Aufnahmesituation) gelegentlich etwas zu voluminös daherkommt. Etwas zu starker Raumhall befördert gleichfalls nicht die Textverständlichkeit. Auch kommt Werneburg in der Atemführung in Moerans 'Come live with me and be my love' an ihre Grenzen, und in Finzis 'O mistress mine' reicht die Bruststimme nicht ganz aus. In ihrer eigenen Ästhetik hat die Produktion durchaus ihren Reiz – doch darf man nicht Interpretationen britischer Klavierlieder etwa von der Tiefe einer Janet Baker, eines John Carol Case oder in jüngerer Zeit einer Lynne Dawson erwarten.


Dr. Jürgen Schaarwächter, 04.09.2019

Label: Querstand , VÖ: 02.05.2019
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




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Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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