Magazin: CD-Kritiken
Schumann, Robert: Dichterliebe

Details zu Schumann, Robert: Dichterliebe: Julian Prégardien, Èrich Le Sage, Sandrine Piau

Schumann, Robert: Dichterliebe: Julian Prégardien, Èrich Le Sage, Sandrine Piau

Gespenstische Stimmen

Das aktuelle Album 'Dichterliebe' von Julian Prégardien ist ambitioniert und eigenwillig.

Das aktuelle Album von Julian Prégardien ist ambitioniert und eigenwillig. Das sind schon einmal gute Voraussetzungen, um in der Flut an Solo-CDs nicht unterzugehen, sich eine ‚eigene Marke‘ zu verschaffen. Auf dem 2018 eingespielten und beim Label Alpha erschienenen Album widmet sich der junge Sänger Werken von Robert und Clara Schumann – im Zentrum steht die berühmte 'Dichterliebe'. Prégardien sieht historisch genau hin, hat Quellenstudium betrieben und liefert das Gegenteil einer routinierten Interpretation, die man schon zigmal gehört haben mag. Ob die hier vertretenen und für die Hörgewohnheiten neuartigen Varianten einzelner Phrasen der 'Dichterliebe' die allein selig machende Erkenntnis repräsentieren, sei dahingestellt. Diesen Anspruch erheben Prégardien und sein Pianist Éric Le Sage aber auch gar nicht. Sie finden schlicht zu glaubwürdiger Authentizität. Das allein macht diese CD spannender als manch andere neuere Einspielung.

Dem Zyklus stellen die Künstler weitere Lieder und Instrumentalstücke des Ehepaars Schumann an die Seite. Es entsteht eine Art Prolog, der weitgehend aus Duetten mit der Sopranistin Sandrine Piau und einem Lied aus den 'Myrthen' op. 25 besteht. Dieser Einstieg ist atmosphärisch, inhaltlich erschließt sich der Mehrwert aber nur schwer. Das mag auch daran liegen, dass die Inhalte der gewählten Lieder eher partiell vermittelt werden, weil Sandrine Piau mehr Vokalisen liefert als gesungenen Text. Das klingt fraglos schön und edel, aber sinnentleert. Das fällt vor allem auf, da Julian Prégardien über eine glasklare Artikulation verfügt. Im direkten Aufeinandertreffen der beiden Solisten klaffen diesbezüglich qualitative Gräben. Bei der 'Löwenbraut' und dem einleitenden Duett aus dem 'Spanischen Liederspiel' empfiehlt sich dringend das Mitlesen im Beiheft.

Roter Faden

 

Reizvoll klingt der historische Blüthner-Flügel aus dem Jahr 1856, den Éric Le Sage kunstvoll beherrscht. Der leicht fahle, auch etwas harte Klang des Instruments passt hervorragend zur gespenstischen, fast morbiden Atmosphäre, die sich durch das gesamte Album hindurchzieht. Schon im Beiheft berichtet der Musikwissenschaftler Hansjörg Ewert von den Stimmen, die Robert Schumann einst verfolgten, die ihn antrieben, ihn quälten, die unter seinen Fingern zu Musik wurden. Dieses durchaus großzügig ausgelegte Thema zieht sich durch die vorliegende 'Dichterliebe' wie ein roter Faden. Ein schön gesetzter Effekt ist beispielsweise das ‚Ich liebe dich!‘ in 'Wenn ich in deine Augen seh‘', das wie aus einer anderen Dimension überraschend von Sandrine Piau mitgehaucht wird. Solche Akzente überzeugen in ihrer klaren Haltung und Entscheidung.

Prégardien selbst agiert stimmlich leicht distanziert, aber nie gleichgültig. Er präsentiert sich als intellektueller Sänger, der nichts dem Zufall überlässt, der Farben und Inhalte genau abwägt, um exakt jenen Effekt zu erzielen, der ihm vorschwebt. Das hat oft auch etwas leicht anstrengend Gekünsteltes, aber es fasziniert über weite Strecken. Hinzu kommt die vorbildlich geführte Stimme, die Klangschönheit, das helle, attraktive Timbre – alles Qualitäten eines Liedsängers, der ein großes Versprechen in die Musikwelt setzt.

Den Lied-Epilog aus drei weiteren Schumann-Liedern und zwei Klavier-Romanzen braucht man als Hörer nicht zwingend, nachdem die 'Dichterliebe' überzeugend verklungen ist. Aber das Album wäre nicht ein Prégardien-Projekt, wenn das Konzept nicht bis in die letzte Konsequenz fortgeführt werden würde. So genießt man einfach diese ausdrucksstarken Trouvaillen, die definitiv auch nicht stören, und freut sich auf die nächste CD von Julian Prégardien.


Benjamin Künzel, 21.10.2019

Label: Alpha Classics , VÖ: 03.05.2019
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




Video der Woche:

Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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