Magazin: CD-Kritiken
Antheil, George: Violin Sonatas . Complete Violin Music Vol.1

Details zu Antheil, George: Violin Sonatas . Complete Violin Music Vol.1: Alessandro Fagiuoli, Alessia Toffanin

Antheil, George: Violin Sonatas . Complete Violin Music Vol.1: Alessandro Fagiuoli, Alessia Toffanin

Skandal-König, Bad Boy, Neoromantiker

Der amerikanische Komponist George Antheil änderte im Laufe seines Lebens seinen Stil entscheidend, blieb aber seiner Liebe zu perkussiven Rhythmen und Dissonanzen treu. Vier Violinsonaten hinterließ Antheil.

Die Interpreten zeigen auf dieser 2018 bei CAvi erschienenen CD eine Qualität, die man bei Künstlern eher selten findet: tiefe Bescheidenheit und Zurückhaltung. Denn auf diesem Tonträger geht es weniger um das italienische Duo als vielmehr um George Antheils Werk und dessen musikalische Handschrift. So findet man im Booklet kaum ein Wort zu den beiden Musikern, dafür aber viele Details zu Antheils Biografie und den Werken. Vielleicht ist es genau diese Fähigkeit, sich selbst zurückzustecken, die einem Künstler das glaubhafte Darstellen avantgardistischer Musik erst ermöglicht.

Als junger Komponist, in den 1920er Jahren, war der heutzutage eher unbekannte George Antheil als ‚Bad Boy of Music‘ in aller Munde. Berühmtheit erlangte er vor allem durch seine Musik zum abstrakten Film 'Ballet Méchanique', wo er die Zuhörer mit brutaler Geräuschhaftigkeit, knallharter Rhythmik und hämmernder Wildheit schockte. Gerne präsentierte sich Antheil in seinen diversen, teils sehr ausgeschmückten Memoiren als schrullige Persönlichkeit, die sich in ihrer Freizeit mit Torpedo-Technik befasste und während ihrer Konzerte immer eine Pistole parat hatte, um sich notfalls den Weg durch das Publikum freischießen zu können.

Schonungslos

In der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg entstand auch Antheils erste Violinsonate, die nicht durch musikalische Farbigkeit besticht, sondern durch Furiosität und Schonungslosigkeit frappiert. Die Sonate beinhaltet kaum eine formale Entwicklung, stattdessen werden die musikalischen Ideen radikal nebeneinandergestellt. Über rhythmisierte Akkord-Ostinati des Klaviers legt der Komponist unregelmäßige Motive der Violine, wobei er sich vor allem der beiden tiefen Saiten bedient. Er lässt den Interpreten hinterm Steg spielen, experimentiert mit dem metallischen Sul-Ponticello-Klang und Kratzgeräuschen, die beim harten Aufsetzen des Bogens auf die Saiten entstehen. Typisch für das Œuvre des Amerikaners ist auch die Verarbeitung von Elementen aus der arabischen Musik. So findet man in den beiden Mittelsätzen der ersten Violinsonate skalenartige Melodien und das Klavier fungiert oft eher als primitive Trommel denn als Akkordinstrument. Den aggressiven und penetranten Grundcharakter der Sonate verdeutlichen die beiden Interpreten, indem sie der Versuchung widerstehen, das Klangbild durch individuelle Ideen oder einen farbigeren Klang abzumildern. Jedenfalls bietet diese eher kalte und harte Einspielung keine Möglichkeit, sich als Hörer entspannt zurückzulehnen, sondern fordert ständige Aufmerksamkeit.

Musikalische Collage

Die zweite Violinsonate kann man als musikalisches Pendant zu avantgardistischen Gemälden wie denen des Kubismus oder Surrealismus betrachten. Bei dem Gefüge aus technischen Errungenschaften der Musique Concrète, traditionellen Stilmitteln wie Fragmenten aus den Lieblingsschlagern von Antheils Großeltern, Jazzelementen und arabischen Einflüssen handelt es sich um eine musikalische Collage. Das durch dissonante Harmonik verfremdete und oft ins Geräuschhafte abgleitende Gesamtbild wirkt wie ein Puzzle aus verschiedenen Ideen. Antheil selbst war im Nachhinein nicht mehr von seinem Werk überzeugt und ging sogar so weit, die zweite Violinsonate abzuerkennen. Die später entstandene, eigentlich vierte Violinsonate taufte er deswegen 'New Second Violin Sonata'.

Während einer tiefen Lebens- und Schaffenskrise durchlebte der Komponist eine Wandlung seiner Klangästhetik. Die dritte Violinsonate wirkt mit vielen neoklassizistischen Bausteinen und wesentlich strukturierterem Aufbau noch wie ein Übergangswerk zwischen dem alten ‚Bad Boy‘ und dem Neuromantiker, zu dem sich Antheil immer mehr entwickelte. Statt auf dem Flügel platzierten Pistolen und Schockmomenten scheinen dem Komponisten bei der 'New Second Violin Sonata' Ausdrucksstärke und eine Annäherung an das gängige Klangideal wichtiger geworden zu sein. Obwohl auch dieses Werk von einem getriebenen Charakter, starker Rhythmik und dissonanten Doppelgriffen der Violine geprägt ist, ist sie auf jeden Fall die traditionellste und gemäßigste der vier Violinsonaten.


Susanna Morper, 10.03.2020

Label: CAvi-music , VÖ: 22.02.2019
Spielzeit: 78:49 , aufgenommen 9/2017
Interpretation: 
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Booklet: 




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