Magazin: CD-Kritiken
Loewe, Carl: Grand Trio op.12, Duo espagnola, Schottische Bilder op.112

Details zu Loewe, Carl: Grand Trio op.12, Duo espagnola, Schottische Bilder op.112: Henning Lucius, Marietta Kratz, Lena Eckels, Jakob Kuchenbuch, Christian Seibold

Loewe, Carl: Grand Trio op.12, Duo espagnola, Schottische Bilder op.112: Henning Lucius, Marietta Kratz, Lena Eckels, Jakob Kuchenbuch, Christian Seibold

Kammermusik im Biedermeierstil

Englische Landschaften, ein spanisch angehauchtes Viola-Duo und virtuose Klaviertrio-Musik von mehr oder weniger belangloser Art.

Carl Loewe (1796–1869) war das zwölfte Kind des Kantors Adam Loewe aus Löbejün (Herzogtum Magdeburg). Sein Vater unterwies den Knaben im Choral und Klavierspiel. 11-jährig sang der Sohn bereits als Chorist in Köthen, zwei Jahre später wurde er Schüler der Latina der pietistischen Franckeschen Stiftungen zu Halle/Saale, wo er Kantaten Bachs und Hillers lernte. 1814 erhielt er das Vikariat als Organist der Markuskiche daselbst und studierte ab 1817 evangelische Theologie und komponierte auch seinen berühmten 'Erlkönig'. Kontakt knüpfte er zu Carl Maria von Weber und besuchte 1820 Goethe in Weimar, worauf er bald einen Kantor- und Organistenposten an der Jakobikirche in Stettin angeboten bekam. Dort wirkte er 46 Jahre bis 1866 und leitete 1827 u. a. die öffentliche Erstaufführung von Mendelssohns 'Ein Sommernachtstraum'. Bekanntheit erlangte der Freimaurer Carl Loewe vor allem durch seine Balladen, obwohl er u. a. auch zwei Sinfonien, sechs Opern, siebzehn Oratorien, Klavier- und Kammermusik verfasste. Eine neue Platte des Labels cpo fasst nun drei bedeutende Kammermusikwerke des mehr und mehr in Vergessenheit geratenden Romantikers zusammen: Sein letztes Instrumentalwerk 'Duo Espagnola' für Viola und Klavier (1857), das wuchtige 'Grand Trio' op. 12 für Klaviertrio sowie die 'Schottischen Bilder' op. 112 für Klarinette und Klavier.

In Loewes letztem Instrumentalwerk, dem 'Duo Espagnola' für Viola und Klavier, herrscht kammermusikalische Atmosphäre, die Klavier und Viola gleichermaßen fordert. Die Bratschistin Lena Eckels hat sich für die vorliegende Aufnahme mit dem Pianisten Henning Lucius zusammengetan. Die beiden loten schön die musikalischen Fahrwasser des Duos aus, können aber nicht restlos musikalisch reüssieren, weil das spanische Kolorit zu wenig unterstrichen wird. Da bleibt manches zu brav. Zudem ist die Aufnahme auch in der Direktheit ein wenig zurückhaltend-konservativ gehalten. Da wünscht sich der Hörer noch mehr Übertreibung, Esprit und Elan. Zur leicht passiven Interpretation ist leider auch die Komposition relativ bieder ausgeführt, denn Loewes Kammermusik kann sich mit Werken seiner berühmteren Zeitgenossen kaum messen. In puncto Intonation und Stil ist die Aufnahme selbstverständlich makellos, es fehlt nur etwas die Leidenschaft.

Nostalgischer Charme

Christian Seibold spielt mit Henning Lucius die dreiteiligen 'Schottischen Bilder'. Auch Loewe weilte – wie der junge Felix Mendelssohn – in England und holte sich künstlerische Inspiration durch die dortige Landschaft. 1847 wurde der Komponist wiederholt zum englischen Königshof geladen, wo er Königin Victoria – sich selbst am Klavier begleitend – seine Balladen vortrug. Romantisch wie eine Chopin-Sonate beflügelt der Anfang. Sehr empfindsam beginnt dazu die Klarinette, die wundervoll in Zwiesprache zum harmonisch plastisch auftretenden Klavierpart gerät. Dabei lotet Seibolt alle dunklen Nuancen der Klarinette aus und schwelgt in romantischen Linien. Manchmal könnte hier allerdings der Klavierpart noch fantasievoller gestaltet werden. Die Nummer zwei, 'Der Wanderer auf Bothwell-Castle', verströmt ebenso weichen, nostalgischen Charme, während 'Der Schottenclan' von volksmusikalischer Basis ausgeht. Da findet der Hörer den Jahrmarkt der Gefühle mit kecken Bassoktav-Sprüngen. Da großer Gehalt auch in diesem Opus eher fehlt, hätten die Musiker noch ein wenig mehr interpretatorisch übertreiben dürfen.

Im 'Grand Trio' (1821) hören wir Marietta Kratz (Violine), Jakob Christoph Kuchenbuch (Violoncello) und Henning Lucius. Das Klaviertrio wurde zu Lebzeiten Loewes oft gespielt, heute fast nicht mehr. Schumann, der selbst ein begeisterter Klaviertriospieler war, äußerte sich seinerzeit sehr angetan über die Komposition. Aus heutiger Sicht mag das Werk virtuos-belanglos klingen, aber das soll jeder für sich selbst entscheiden. Die drei Interpreten nehmen sich des Werks auf jeden Fall mit der nötigen Ernsthaftigkeit an und gewinnen ihm eine gewisse Noblesse ab. Viele schwungvolle Läufe werden da im Allegro wie Bälle zwischen Cello und Klavier hin- und hergeworfen. Das Scherzo 'Allegro molto agitato' antizipiert noch schulmäßig, was Mendelssohn später in seinen meisterlichen Klaviertrios vollendete: pianistischen Glanz, thematischen Kontrast und Verve in der Verzahnung der Stimmführung. Wunderbar ist der Einfall des zunächst vom Klavier mit Cellobegleitung vorgetragenen Seitenthemas, wobei das Klavier aber deutlich zu versteckt einsetzt. Die Geige macht das wenig später viel besser: Cello und Geige schwelgen danach um die Wette und bewegen sich in wundervoller Balance. Überhaupt dominiert Marietta Kratz mit ihrem sonoren Ton das Ensemble. Konzeptionell ist die Interpretation allerdings nicht ganz ausgereift, da die Charaktere der Motive nicht bis ins Detail umgesetzt sind. Das Kopf-Thema des Finales klingt – mit nur minimaler Abwandlung – so von Verdis 'Rigoletto' abgeschrieben, dass der Hörer es sofort als Plagiat entlarvt. Ein schwacher Schlusssatz!

Weil auch das an sich sehr gut geschriebene Booklet (Cord Garben) etliche Druckfehler inklusive falscher Tracknummer auf der Coverrückseite aufweist, gibt es hierfür Punkteabzug. Alles in allem sind diese aufgewärmten Kammermusikwerke Carl Loewes eher nebensächliche Kompositionen, die man höchstens einmal anhört und nicht dauerhaft im Regal stehen haben muss.


Manuel Stangorra, 15.11.2019

Label: cpo
Interpretation: 
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Repertoirewert: 
Booklet: 




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