Magazin: CD-Kritiken
Onslow, George: Chamber Music

Details zu Onslow, George: Chamber Music: Gianluca Luisi, Ensemble Concertant Frankfurt

Onslow, George: Chamber Music: Gianluca Luisi, Ensemble Concertant Frankfurt

Salonmusik-Attitüden

Selten im Programm: Streichquintette, Klavierquintett und Sextett von George Onslow.

Schon 2003 und 2006 wurden die Ton-Aufnahmen eingespielt für diese neu – besser müsste man sagen: wieder – erschienene Doppel-CD aus dem Hause MDG (Musikproduktion Dabringhaus und Grimm Detmold). Darauf zu hören sind zwei (von insgesamt 34 komponierten Streichquintetten), nämlich jene in B-Dur op. 33 und e-Moll op. 74 des französischen Komponisten George Onslow (1784–1853). Auf der CD 2 erklingt sein Klavierquintett op.79b sowie das Sextett op.30 (beide Titel jeweils mit Gianluca Luisi am Klavier). Seinerzeit kamen die Platten einzeln mit anders gestalteten Covern heraus. Leider ist es üblich geworden, nach einer Weile – ohne großen finanziellen Aufwand – Einzel-CDs noch einmal als in diesem Fall höchst unvollständige ‚Gesamtproduktion‘ auf den Markt zu werfen, um die Verkaufszahlen zu erhöhen. Davon hat niemand etwas und der Kunde fühlt sich leicht auf den Arm genommen. Die Masche ist aber bekannt und betrifft nicht nur die MDG.

Hausbacken musiziert

Sei es drum, wenn wenigstens die Qualität der Onslow-Aufnahmen durchgängig gestimmt hätte. Leider aber wird auf der Platte nur hausbacken musiziert: Zu Beginn steht das Streichquintett op.74. Peter Agoston als Primarius des Ensemble Concertant Frankfurt nimmt den Anfang gar zu sehr auf die leichte Schulter und ist keineswegs intonationssicher im 'Allegro grandioso'. Für den Beginn ist dieses Werk sehr heikel. Zudem ist die Klangeinstellung eher dumpf und undurchsichtig. Kaum wird hier frisch musiziert. Vieles klingt da angestrengt und mühsam. Hinzu tritt die Tatsache, dass Onslow zwar ein fähiger Tonsetzer, aber eben keineswegs einer aus der ersten Reihe ist. Sein 'Menuetto. Moderato molto' kommt daher wie ein Epigone eines beliebigen Klassikers. Von der Novität eines Franz Schubert, der nur 13 Jahre später in Wien auftauchte, hat diese Musik noch rein gar nichts und auch hier klingt die erste Geige – im Zusammenspiel mit Cello und Kontrabass – eher klatterig. Dem Cellosolo (Sabine Krams) im sich anschließenden 'Andantino grazioso' fehlt die Grandezza und Brillanz. Die Violine antwortet, doch verschwindet ihr Klang in Beiläufigkeit. Und das eigentlich furiose Finale atmet überhaupt nicht den Geist spritziger Virtuosität.

Zu angestrengt

Zu angestaubt kommt auch der Kopfsatz aus op. 33, dem Streichquintett B-Dur, daher. Das Wechselspiel von Primarius und Cellistin ist da nicht optimal aufeinander eingestellt, weil die Rasanz und teilweise das technische Vermögen fehlen. Besonders in der Durchführung klaffen deutliche Lücken in der spieltechnischen Realisation, von Eleganz ganz zu schweigen. Das klingt zu angestrengt. Wer aber genau hinhört, ahnt, dass Mendelssohn das Quintett gekannt haben muss, als er sein – wesentlich genialeres – Streichoktett komponierte, so gibt es unzweideutige Anspielungen an Motive, die hier auftauchen. Auch die Tiefe im 'Andante maestoso' – nicht ‚mestoso‘, wie es fälschlicherweise ausgedruckt ist – konnte Mendelssohn gut nachempfinden, beziehungsweise lernte daraus. Die Grazie und das Galante fehlt der Aufnahme auch im dritten Satz 'Minuetto. Non troppo presto'. Der schwache, bisweilen seichte Umgang des Vielkomponierers Onslow mit dem Material – er galt immerhin als der ‚französische Beethoven‘, was freilich reichlich übertrieben ist – ist hier in diesem Satz dokumentiert. Von Beethovens Eigentümlichkeit, seiner kraftvollen Idiomatik ist hier nichts präsent. Onslow war zwar ein gewandter Kontrapunktiker, der auch formschön schreiben konnte, doch sind seine Melodien zu sentimental, zu wenig inspirierend. Das merkte bald auch die große Öffentlichkeit und tauschte nach und nach Onslows Werke mit denen Beethovens aus, was der Franzose, der die letzten drei Lebensjahre musikalisch verstummte, noch mit Bitterkeit mitbekam.

Auf der zweiten Platte versammelt das Ensemble Concertant Frankfurt zwei Werke Onslows mit Klavier (Gianluca Luisi): Das Sextett op. 30 sowie das Quintett op. 79b. Erster Eindruck: Hier ist ein gut geölter Pianist, dessen Musizierpartner sich technisch nicht auf ganz adäquater Höhe befinden. Die Streicherintonation am Anfang ist nämlich nicht ganz rein. Auch der Zauber, der von dieser anderthalb-minütigen geheimnisvollen 'Largo-Introduzione' ausgeht, wird nicht voll ausgeschöpft. Der Streicherklang ist in seiner Einstellung leider auch wieder zu passiv gehalten. Das 'Allegro vivace' läuft oberflächlich betrachtet freilich glänzend – das Ensemble hat einen durchaus gefälligen Salonmusik-Drive, der unverwüstlich ist. Jedoch gibt es musikalisch viele Floskeln, Sequenzierungen und schwelgende Melodien, die aber so manchem Hörer schmeicheln werden (insbesondere im durchflochtenen 'Andante con variazioni', einem sehr gefälligen Publikumsmagneten) – insofern wird diese Platte doch ihre Hörer anlocken. Wer aber das Besondere sucht, findet es hier doch nicht.

Gianluca Luisi (*1970) ist aber ein beachtenswerter Interpret am Klavier. Der Italiener verfügt über einen weichen, warmen Anschlag und sein interpretatorischer Intellekt, gepaart mit perlender Anschlagskunst, wertet die Aufnahme deutlich auf. Nicht umsonst ist er bekannt für seine Einspielungen der beiden Chopin-Klavierkonzerte, ebenfalls für die MDG.

Reminiszenz an Chopin

Am interessantesten – vielleicht das beste Werk auf der Doppel-CD – ist das B-Dur-Quintett op. 79b, das im Vergleich zum sämigeren Sextett etwas kammermusikalischer in seiner strukturellen Auslegung gestaltet ist. Es ist das Zwillingswerk zu einem Großen Septett für Klavier, Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott, Horn und Kontrabass op.79. Auch hier begegnet uns ein sehr ausladender, kunstvoll geschriebener, überaus intimer Kopfsatz, eine sehr deutliche Reminiszenz an Chopin, der im Entstehungsjahr 1849 starb. Leider trüben auch hier gewisse intonatorische Unstimmigkeiten das Gesamtbild. Insbesondere mit seiner Melancholie überzeugt eben auch das Ensemble Concertant Frankfurt noch am meisten, aber warum die Phrasierungsbögen im Finale nicht ein bisschen weiter gespannt werden, bleibt ein Geheimnis.


Manuel Stangorra, 25.03.2020

Label: MDG
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




Video der Woche:

Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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