Magazin: CD-Kritiken
Cerha, Friedrich: Eine Art Chansons

Details zu Cerha, Friedrich: Eine Art Chansons: HK Gruber, Kurt Prihoda, Rainer Keuschnig, Josef Pitzek

Cerha, Friedrich: Eine Art Chansons: HK Gruber, Kurt Prihoda, Rainer Keuschnig, Josef Pitzek

Kleinkunst, groß interpretiert

HK Gruber entdeckt den Kosmos von Friedrich Cerhas Chansons.

Wenn von Friedrich Cerha die Rede ist, denken die meisten zunächst an seine Rekonstruktion des dritten Akts von Alban Bergs 'Lulu'. Sie machte den Wiener Komponisten 1979 international bekannt. Dabei gehörte der 1926 Geborene zu dieser Zeit in Österreich bereits zu den renommiertesten und vielseitigsten Tonschöpfern. Sein Œuvre umfasst alle Gattungen, darunter auch drei abendfüllende Opern, die unter dem Überbegriff ‚Mechanismen der Macht‘ eine Einheit bilden. 'Baal' nach Brecht, 'Der Rattenfänger' nach Zuckmayer und 'Der Riese vom Steinfeld' nach Peter Turrini spiegeln auch Cerhas pazifistische Haltung wider.

Auch als Dirigent ist Cerha hervorgetreten. Mit dem Kammermusikensemble ‚die Reihe‘, das er 1958 gründete, setzte er sich für das kompositorische Schaffen des 20. Jahrhunderts, besonders nach 1945 ein. Angesichts seines Engagements für zeitgenössische Musik ist fast vergessen worden, dass sich Cerha auch mit Kleinkunst auseinandergesetzt hat, als Folge seiner Zugehörigkeit zur legendären Wiener Gruppe um Künstler wie Ernst Jandl und Gerhard Rühm, Helmut Qualtinger und Friedrich Hundertwasser. Das Ergebnis sind eine Reihe von Chansons, zusammengefasst in fünf Zyklen: Die erste und zweite 'Keintate' sowie ein musikalischer Nachruf setzen dem Mundartdichter Ernst Klein ein Denkmal. 'Eine Art Chansons' und 'Eine letzte Art Chansons' vereinen Vertonungen von Autoren jener Wiener Gruppe.

Mit leichter Hand

Wie eigenständig und unterhaltsam diese Chansons sind, beweist die Einspielung von 'Eine Art Chansons'. Dieser Zyklus, der zwischen 1985 und 1987 entstand, gliedert sich in drei Abschnitte und 61 Nummern. Die meisten dauern nur ein bis zwei Minuten, etliche sogar weniger, doch wie prägnant erfassen sie in dieser Kürze den Kern der Texte, ob es sich um Gesellschaftssatiren, alltägliche Miniaturen, Politisches, Nonsens- oder Dialektgedichte handelt. Es sind witzige dabei, wie das humoristische Kabarettlied 'Die Wühlmaus', oder solche, bei denen einem das Lachen im Halse stecken bleibt, wie das morbide Stückchen 'Wenn der Puls der Frau Schulz nicht mehr schlägt' oder böse Antikriegslieder, wie 'Vater komm erzähl vom Krieg'. Cerha findet jeweils die rechte Form, komponiert mit leichter Hand und zitiert manchmal Vorgänger wie Kurt Weill, Hanns Eisler und sogar Johann Strauß.

'Eine Art Chansons' wurde schon 1988 vom ORF aufgenommen, doch erst kürzlich, knapp 20 Jahre später, veröffentlicht. Der technischen Zubereitung hört man die Zeit an, doch die Interpretation ist vom Feinsten. Wer könnte besser für diese Chanson-Arten geeignet sein als HK Gruber, dem Cerha die Stücke in die Stimme gelegt hat? Gruber, als Dirigent (er war Nachfolger Cerhas bei ‚die Reihe‘), Kontrabassist und Komponist gleichermaßen angesehen, ist auch als Chansonnier eine Klasse für sich. Wie sein Vorbild Ernst Busch geht er vom Text aus, den er gestochen scharf artikuliert, selbst bei Zungenbrechern wie ‚Zungentraining‘. Aus jeder Nummer formt er ein Kabinettsstück und wechselt dabei wie ein Chamäleon den Tonfall: Ätzend kann er sein, schmierig, untergründig oder aggressiv. Unterstrichen wird der Gesang durch eine variable Begleitung aus Klavier, Schlagzeug und Kontrabass, die mit dem Trio Rainer Keuschnig, Kurt Prihoda und Josef Pitzek bestens aufgestellt ist.

Im zweisprachigen Booklet erzählen Cerha und Gruber von biographischen Impulsen, verbunden mit einer Werks- und Interpretationsanalyse. Die Texte sind nicht abgedruckt, dafür vier Notenmanuskripte. 'Eine Art Chansons' ist intelligente Kleinkunst auf hohem interpretatorischem Niveau und zugleich eine Hommage an die Wiener Literatenszene der 50er Jahre.


Karin Coper, 09.05.2019

Label: Kairos , VÖ: 29.03.2019
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




Video der Woche:

Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

Unser Service:

 Schriftgröße   + / - 

Drucker Seite drucken

RSS RSS


Anzeige

NOTE 1 - Mitteilungen (5/2019) herunterladen (2900 KByte)