Magazin: CD-Kritiken
Ramon Lazkano

Details zu Ramon Lazkano: Alfonso Gomez, Bilbao Symphony Orchestra, Ernest Izquierdo

Ramon Lazkano: Alfonso Gomez, Bilbao Symphony Orchestra, Ernest Izquierdo

Physische Erlebnismomente

Der baskische Komponist Ramon Lazkano geht der Klavierresonanz auf den Grund. Alle erdenklichen technischen Möglichkeiten des Klaviers und eine Vielfalt an Stilmitteln reizt er aus für sein Experiment mit überraschender Wirkung.

Präparierte Klaviersaiten klingen wie gefesselte Schwingungen, dumpf, metallisch, ungefähr so wie mit Öl getränkte Tonerde, wenn sie nass wird. Eine kurz angeschlagene Terz, ein dritter, vierter Ton dazu, dann alle im Akkord, danach ein Spiel mit diesem Material, Wechsel der Abläufe, Wiederholungen, minimalistische Veränderungen, teilweise angeschlagen im präparierten oberen Bereich der 88 schwarzen und weißen Klaviertasten, gelegentlich mit Pedal in der Resonanz erweitert, dann folgt so etwas wie eine Zusammenführung, bevor auch diese weitergesponnen wird. 'Petrikhor' (2017) lautet der Titel dieses knapp 17-minütigen Werkes für Klavier solo des baskischen Komponisten Ramon Lazkano (Jahrgang 1968). Mit intellektueller Erforschung der Klavierresonanzen könnte man diesen aus der Geologie entliehenen wissenschaftlichen Titel ersetzen. Denn genau das beschäftigt und inspiriert Ramon Lazkano.

Früherkennung als großes Talent

Ramon Lazkano studierte in San Sebastián, Paris und Montreal unter anderem bei Francisco Escudero, Gérard Grisey und Gilles Tremblay. Mit gerade 22 Jahren erhielt er den ersten Preis für Komposition am Pariser Konservatorium, der erste in einer langen Reihe renommierter Auszeichnungen. Seit 1997 sind seine Werke regelmäßig bei Festivals und in Konzertsälen zu hören, wenn es um Musik der Gegenwart geht. An der Musikhochschule 'Musikene' im Baskenland gibt er als Professor für Orchestrierung sein Wissen an die junge Generation weiter.

Auf der CD (Kairos) sind 13 Auftragswerke zu hören, darunter ein zweisätziges dialogisches Stück für Orchester und Klavier, 'Hitzaurre Bi', wofür er 1995 noch während seines Pariser Studiums den Pierre-de-Monaco-Preis erhielt. Außerdem weitere 11 Stücke für Klavier solo mit einer Spieldauer zwischen zwei und 17 Minuten. In allen Werke findet sich polyrhythmisch organisierte Kleingliedrigkeit in isometrischen Formeln, ausgeführt in kurzlebig atmosphärischen Sequenzen, teils mit rasanten Läufen, Drehungen und Verzierungen und immer hoch virtuos. Jedes einzelne Werk fordert eine differenzierte Anschlagskultur und größtmögliche Gestaltungsfähigkeit im Sinne absoluter Rücknahme der eigenen Person zugunsten der Klanggewichtung. Neben dem Komponisten meistern diesen Part Alfonso Gómez und Marta Zabaleta mit Bravour.

Zwischen Volksmusik und Zwölftontechnik

Die Titel der Werke stehen in Euskara, der Sprache der Basken. Nur in einem Werk, 'Zortziko' (2000), verwendet Lazkano das charakteristische Muster des Rhythmus baskischer Tänze, verteilt auf zwei Hände und löst es allmählich in isometrische Formeln auf. Viel mehr bringt Lazkano nicht ein, um auf seine Herkunft hinzudeuten. 'Presències', mit der Entstehungszeit 1967 sein ältestes Werk auf dieser CD, bietet einen Einblick in die Anfänge seiner Experimente. Dieser Komposition ging ein Orchesterwerk voraus, in welchem er die Zwölftontechnik anwendete, in dem kurzen Klavierstück aber nicht weiterentwickelte, sondern auf der Basis eindeutiger Dur-Tonalität erprobte, wie sich bei lautlos gedrückten Tasten Resonanz verändert.

Intellektuelle Durchdringung

Lazkano kennt die Tradition, nutzt moderne Techniken und hat sich viele Stilelemente der Klavierneutöner der 1980er Jahre einverleibt. Auf dieser Basis experimentiert er, um dem Klang und dessen Beziehung zwischen Stille und Erleben bedingungslos auf den Grund zu gehen. Dass der Schaffensprozess im hohen Grad mit intellektueller Durchdringung verbunden ist, entnimmt man den zweisprachigen Booklet-Texten (Englisch und Deutsch), umfassenden Erläuterungen zu Lazkanos Arbeitsweise und Kompositionsstil und über die charakteristischen Merkmale der auf der CD eingespielten Werke im Kontext seines gesamten Œuvres. Umso überraschender ist die Erfahrung, dass seine Werke erstaunlich durchhörbar angelegt sind, im weitesten Sinn harmonisch und voller Poesie. Laskanos unbedingter Wille, frei assoziativ zu agieren, erzeugt starke physische Erlebnismomente.


Christiane Franke, 12.03.2020

Label: Kairos , VÖ: 15.03.2019
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




Video der Woche:

Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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