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minimalBach

Details zu minimalBach: Duo ImPuls

minimalBach: Duo ImPuls

Berauschend

Das Duo imPuls, das die berühmten Präludien Bachs in einem völlig anderen Licht präsentiert, geht mit dieser CD-Veröffentlichung ein revolutionäres Wagnis ein. Wer sich allerdings auf den ungewöhnlichen Klanggenuss einlässt, wird reich belohnt werden.

‚Nicht Bach, sondern Meer sollte er heißen.‘ Dieses Bonmot über Johann Sebastian Bach wird Ludwig van Beethoven zugeschrieben, und wer die vorliegende Aufnahme des Duo imPuls hört, erhält eine genaue Vorstellung, was der Komponist damit gemeint haben könnte. Das gemeinsame Projekt von Barbara und Sebastian Bartmann, das den vielsagenden Titel ‚minimalBach‘ trägt, ist nicht nur ungewöhnlich, sondern geradezu radikal. Sie nehmen einen Zyklus von Klavierstücken, der nicht nur in seiner Bekanntheit, sondern auch in seiner künstlerischen Hochwertigkeit zu den Glanzstücken der barocken Klavierliteratur zählt, und verbinden ihn mit einer Musik, die im ausgehenden 20. Jahrhundert beheimatet und damit vom Barock mehrere Jahrhunderte entfernt ist: der Minimal Music. Es stellt sich die Frage: Darf man so etwas machen? Hätte Bach sich im Grab herumgedreht, wenn er davon wüsste?

Radikal oder naheliegend?

Zugegeben: Die Musik Bachs in das Gewand neuer Stilistiken zu kleiden, wie z. B. jene des Jazz, ist nichts Neues und kann zweifellos eine musikalische Bereicherung sein, was seinerzeit schon das Jacques Loussier Trio und andere Künstler unter Beweis gestellt haben. Das Duo imPuls dagegen bleibt auf dem Boden der klassischen Musik, wählt aber eine völlig andere kompositorische Herangehensweise. Statt der Technik der Fortspinnung eines musikalischen Motivs präsentieren sie auf zwei Klavieren ein Kaleidoskop von Klängen, in dem die Motive nur minimal verändert werden, wodurch sich aber ein enormer Spielraum für Farben, dynamische Abstufungen und musikalische Stimmungsbilder eröffnet. Auf diese Weise gelingt es dem Pianisten und Komponisten Sebastian Bartmann, den Originalen Bachs eine Gestalt zu geben, die ihnen nichts von ihrer Qualität und ihrer inhaltlichen Aussage nimmt, sondern genau diese Elemente noch verstärkt, indem er sie in einem anderen Licht darstellt. Wer Bachs Präludien in ihrer ursprünglichen Form hört, wird sich kaum an Filmmusik erinnert fühlen – die vorliegende Aufnahme jedoch lädt geradezu dazu ein, einen Bilderreigen vor seinem inneren Auge ablaufen zu lassen oder sie zumindest in verschiedenen Farben und Formen wahrzunehmen.

Gelungene Dramaturgie

Was die Reihenfolge der Stücke betrifft, hält sich Sebastian Bartmann konsequent an Bachs Vorgabe, indem er chromatisch aufwärts durch die Tonleiter wandert. Der einzige Unterschied ist, dass er das C-Dur-Präludium nicht an den Anfang, sondern an den Schluss setzt. Dieser künstlerische Trick bietet zwei Vorteile: Einerseits steigert er die Neugierde der Zuhörer, denn auch wenn sie die Präludien Bachs kennen, wird der Einstieg mit dem c-moll-Präludium – noch dazu in seinem überraschenden, unheimlich wirkenden Beginn mit einem leeren C-Oktavklang – sie mit einer völlig andersartigen und unerwarteten Klangwelt konfrontieren. Andererseits wird sich der Zuhörer, nachdem er sämtliche Stationen des Zyklus durchlaufen hat und die verschiedensten Klangbilder an sich hat vorüberziehen sehen, bei den sich leise einschleichenden Klängen des abschließenden C-Dur-Präludiums fühlen, als wäre er wieder zuhause angekommen. Nach einer Reise, die ihn durch die verschiedensten Stimmungen geführt hat, die ihn möglicherweise in ihrer Dramatik aufgewühlt, in ihrer Melancholie zum Nachdenken angeregt oder in ihrer Ruhe feierlich gestimmt haben, symbolisieren die Klänge des vertrauten C-Dur-Präludiums, das sich wie ein großartiges, einer Kathedrale ähnelndes Klanggewölbe vor seinem Ohr erhebt, das Zurückkehren in den heimatlichen Hafen. Von hier aus lohnt es sich, noch einmal zurückzublicken und den Film, der sich vor dem inneren Auge und Ohr abgespielt hat, in Gedanken noch einmal ablaufen zu lassen.

Nach dem Hören dieser Aufnahme erscheint das, was zunächst ein so radikaler und ungewöhnlicher Schritt zu sein schien, auf einmal viel naheliegender, zumal Bachs Musik nicht nur allgemein viel Spielraum für andersartige Kompositionstechniken bietet, sondern seine Methode, ein einziges Motiv ins Zentrum zu stellen, für eine Neugestaltung nach der Art der Minimal Music geradezu prädestiniert zu sein scheint. Ob Bach das Projekt ‚minimalBach‘ gutgeheißen hätte, kann sicher heute nicht beantwortet werden. Vor dem Hintergrund der Fülle an unterschiedlichsten Kompositionen, die seit seinen Lebzeiten entstanden sind, hätte es ihn aber sicher gefreut, dass seine Musik es geschafft hat, die Jahrhunderte zu überdauern und heute noch genauso aktuell zu sein, wie sie es damals war.

Fazit: Das Projekt ‚minimalBach‘ lässt den Zuhörer in eine faszinierende Klangwelt eintauchen und ist jedem, der Bachs Musik liebt und zudem offen für neue akustische Erfahrungen ist, sehr zu empfehlen.


Dr. Uta Swora, 19.04.2019

Label: Challenge Classics
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




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