Magazin: CD-Kritiken
Mozart - Mahler - Brahms

Details zu Mozart - Mahler - Brahms: Skride Piano Quartet

Mozart - Mahler - Brahms: Skride Piano Quartet

Durchwachsene Qualität

Das Debüt des Skride Piano Quartet kann mit Klavierquartetten von Mozart, Mahler und Brahms nicht vollauf überzeugen.

Das Skride Piano Quartett besteht aus den lettischen Schwestern Baiba (Violine) und Lauma Skride (Klavier) sowie der Bratschistin Lise Berthaud (Frankreich) und der Cellistin Harriet Krijgh (Niederlande). Die Damen spielen erst – nach andauernder eigener Solistenkarriere – seit Herbst 2016 zusammen als Klavierquartett, wo man gemeinsam auf der Schubertiade Hohenems oder zuletzt bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern in Erscheinung trat. Harriet Krijgh, die seit 2019 als Nachfolgerin von Eckart Runge auch Cellistin des Artemis-Quartetts ist, war dort den ganzen Sommer 2019 ‚Preisträgerin in Residence‘, wovon auch das Skride-Quartett mit einigen Auftritten profitierte. Feste Klavierquartette gibt es ja nur wenige, auch weil die Literatur in diesem Genre einfach zu spärlich gesät ist. Jetzt liegt die Debüt-CD des Skride-Quartett im Label Orfeo vor. Das Ergebnis ist aber eher enttäuschend.

Fehlende Fantasie

Gerade die Wiener Klassik und hierbei insbesondere Mozart verlangt in punkto Dynamik und Notentext absolute Präzision, dazu Einfühlungsvermögen in die Aufführungspraxis dieser Zeit. Aber selbst das reicht letztendlich auch nicht, denn da müssen Töne allseits zum Leben erweckt werden. Das Zusammenspiel am Anfang des g-Moll-Quartetts KV 478 ist heikel und der Tonmeister hat die Gruppe nicht stimmungsvoll ausbalanciert. Oft scheint das Cello nur hintergründig zu agieren. Die Unterschiede von Piano zu Forte sind nicht deutlich genug herausgearbeitet, der Sound federt nicht elastisch. Zu lasch ist der Beginn, weil bisweilen das zupackende Element, der Charakter fehlt. Das Cello oktaviert an manchen Stellen nach unten und will so mehr Volumen suggerieren. Schön, aber das geht trotzdem zu weit. Texttreue ist bei Mozart unabdingbar. Der Ton hat über weite Strecken keinen Kern, alles wird mit melodischer Soße übertüncht, manchmal fehlt den Künstlerinnen die Fantasie.

Das Klangbild im Andante ist zu weich. Die musikalische Führung und vor allem die Artikulation Lauma Skrides am Klavier ist nachlässig und entspricht nicht den Aussagen, die der Notentext hergibt. Sie nimmt einfach zuviel Pedal. Auch wird aus den sich oft hier wiederholenden Tönen (Cello, Takt 43!) kein schlüssiges Ganzes geformt. Das Klangbild schwimmt über weite Strecken, hat nur wenig Klarheit und Präzision. Hier wurde übermäßig Hall aufgesetzt, während die Geige oben manchmal dumpf klingt, so z. B. in den Girlanden ab T. 23, während das Forte von T. 26 in Gemütlichkeit versinkt. Einsätze sind nicht zusammen, auch Tonmeister-Schnitte wie in T. 91 hörbar. So ist Mozart zu nachlässig, zu beliebig. Entweder wurde diese Platte nicht genügend vorbereitet oder nicht ernst genommen. Dem künstlerischen Status, den die Musikerinnen ansonsten einnehmen, entspricht die bei Mozart gezeigte Leistung leider nicht. 

Ein Lichtblick ist dagegen Mahlers Klavierquartettsatz a-Moll 'Nicht zu schnell'. Hier passt die eben noch beklagte romantische Spielhaltung viel besser hin. Hier mag der Hörer das Schwelgen von Violine, Viola und Violoncello. Die Streicher führen samtweich die Stimmen und stemmen sich gegen die düstere Note des Klaviersatzes. Allerdings auch hier ist die Violine zu mild eingestellt. Tiefe Streicher und Klavier erdrücken sie bisweilen. Manchmal wünscht man sich etwas mehr Passion, zum Beispiel wie das hervorragend zusammen agierende tschechische Prazak-Quartett, das bei diesem Mahler-Satz schon bald 1,5 Millionen Aufrufe im Internet verzeichnet. Bei den Prazaks kocht das Feuer und lebt die Sehnsucht.

Kein großer Wurf

Als drittes Werk hat das Skride-Quartett Brahms‘ Klavierquartett Nr. 1 g-Moll op. 25 platziert. Der große Wurf ist ihm aber auch hier nicht gelungen. Eine bessere Aufnahme sei hier einmal zum Vergleich angeführt: In puncto Dramatik und Klarheit punktet da das Ensemble Domus auf Virgin Classics, eine englische Doppel-CD mit 'Brahms Piano Quartets' aus den späten 1980er-Jahren. Auffallend ist sogleich, dass das Skride-Quartett mit 12:44 Minuten im Kopfsatz recht rasch unterwegs ist, während Domus sich mit 16:32 Minuten mehr Zeit nimmt, die Musik auszuspielen und Übergänge zu gestalten. Das klingt dann mehr nach Brahms. Vieles mag in der vorliegenden Aufnahme auch an der recht dumpfen Klangeinstellung des Orfeo-Tonmeisters (Felix Epp) liegen, denn der Aufnahmeort (Bremen Sendesaal) bietet eigentlich alle Möglichkeiten. Dynamisch und vor allem musikalisch bieten Domus einfach die reichere, akustisch expansivere Palette gegenüber dem Skride-Quartett.

Schlimmer wird es noch beim zweiten Satz 'Intermezzo', bei dem sich das Skride-Quartett komplett im Tempo verrennt. Ausdrücklich 'Allegro non troppo' heißt der Satz. Der Abstand zum 'Animato' ist zu klein und hinterher zurück zum ersten Tempo fast auch nicht da. Da gehen einfach viel zu viele Ideen von Brahms verloren, wenn das Ganze nur auf einen Sprint angelegt ist. Viel gehaltener agiert in diesem Satz zum Beispiel das alte Beaux Arts Trio mit Manahem Pressler am Klavier, Isidore Cohen (Violine), Bernard Greenhouse (Violoncello) zusammen mit Walter Trampler (Viola: einfach unbestechlich!). Man muss heute vielleicht nicht mehr so interpretieren, aber das Maß aller Klavierkammermusik bleiben diese Künstler bis in unsere Tage. Da muss das Skride-Quartett noch einmal auf die Schulbank, um diesen Meistergrad zu erreichen.


Manuel Stangorra, 11.02.2020

Label: ORFEO , VÖ: 11.02.2019
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




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