Magazin: CD-Kritiken
Liszt, Franz: Années de pèlerinage, troisième année

Details zu Liszt, Franz: Années de pèlerinage, troisième année: Cédric Tiberghien, Klavier

Liszt, Franz: Années de pèlerinage, troisième année: Cédric Tiberghien, Klavier

In Liszts Herz der Finsternis

Düster klingt diese späte Klaviermusik von Franz Liszt, immerfort um das Thema Tod und implizit auch Depression kreisend. Der Aufgabe, dies mit pianistischen Mitteln ausdrucksvoll auszumalen, wird Cédric Tiberghien sehr gerecht.

Das Cover mit den venezianischen Trauergondeln ist zwar bewusst schwarzweiß und unscharf, der erst 1883 veröffentlichte dritte Band der 'Années de Pèlerinage' ('Pilgerjahre') hingegen in seiner monologischen Konturiertheit ganz und gar nicht. Liszts Idee eines pianistischen Reisetagebuchs führt nach den beiden früheren Schweiz- und Italien-Bänden zwar vordergründig in gleich drei Stücken zur Villa d‘Este am Comer See an der schweizerisch-italienischen Grenze, mehr aber noch musikalisch fragend und suchend an die Grenzen der Existenz: In gleich drei Threnodien (Klagegesängen), einem Trauermarsch und zwei weiteren liturgischen Gebetstiteln kreisen Programm und musikalischer Ausdruck um einen Blick auf das Jenseitige nach anfänglicher Verkündigung der Geburt des Erlösers an Maria (Angelus).

Das einzig wirklich in Konzertprogrammen verbreitete Stück dieses siebenteiligen Zyklus steht in der Mitte: 'Les jeux d‘eaux à la Villa d‘Este' sind zwar einerseits ein beeindruckender Vorgriff des alten Liszt auf kommende ‚impressionistische‘ Ästhetiken, zugleich aber auch fast buddhistisch wirkende Versenkung in das Kreislaufende und Fortfließende des Lebens. Die meisten dieser Stücke komponierte Liszt 1877 mit schon um die 66 Jahren. Seinem Leben wie seiner Musik wiesen sie eine ganz andere, neue Richtung. Monodische Prägnanz oft sogar unbegleiteter Melodie und die klavieristische Entwicklung kompakter Bewegungsmuster in harmonisch sich öffnendem Raum finden sich dann auch in den ganz späten Klavierstücken nach 1880, von denen Cédric Tiberghien hier sechs zu seinem über 80-minütigen Programm hinzugefügt hat. Gerade die (ausuferndere zweite) 'Trauergondel' sowie 'Schlaflos!' und 'En rêve' in ihrer nachdenklichen Aussagekraft korrespondieren mit dem abschließenden letzten Pilgergang ganz ausgezeichnet, während die einleitende 'Bagatelle ohne Tonart' oder der vierte 'Mephisto-Walzer' kleine diabolischere Momente des musikalischen und existenziellen Zweifels einstreuen.

Die Kunst des Klaviermonologs

Cédric Tibergien wird allen Seiten dieser Musik gerecht. Er fomuliert die kargen, oft einstimmigen Monologe der Threnodien wie der entsprechenden späten Stücke als rezitativisch prägnante Klangreden in vollem Klavierton, türmt im 'Trauermarsch für Kaiser Maximilian I. von Mexiko' (1867, das älteste Stück) die düsteren Akkordwolken im Bassregister, formuliert das Leuchten wie die Ruhe und Schönheit der Verkündigung des Engels im alten Gebetsritus 'Angelus!' mit leuchtendem Klavierton. Im Vergleich mit der ewigen Referenzeinspielung der gesamten 'Années de Pèlerinage' von Lazar Berman für die Deutsche Grammophon von 1977 fällt eine sehr ähnliche Klanggebung auf: Berman war – in einer gewissen Nähe zur Spielweise von Marcelle Meyer oder Robert Casadesus, die wie Tiberghien neben Debussy und Ravel auch grandios Bach spielten – vielleicht der ‚französischste‘ unter den russischen Starpianisten seiner Generation, und ich höre Tiberghien genau in dieser auch Liszts Musik hier so adäquaten Tradition. Auch die Bermans älterer Einspielung überlegene tontechnische Aufzeichnung und der kluge, informative, stimmungsvolle Booklet-Text von Jeremy Nicholas machen diese Einspielung zu einem der wohl wertvollsten Beiträge der jüngeren Liszt-Diskographie, zu einer wirklich beeindruckenden Tour in die späte, oft depressive Dunkelheit seines uns eigentlich zu wenig bequemen und vertrauten Spätwerks.


Dr. Hartmut Hein, 15.04.2019

Label: Hyperion
Interpretation: 
Klangqualität: 
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Booklet: 




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