Magazin: CD-Kritiken
Shostakovich & Kabalevsky: Cello Sonatas

Details zu Shostakovich & Kabalevsky: Cello Sonatas: Steven Isserlis, Olli Mustonen

Shostakovich & Kabalevsky: Cello Sonatas: Steven Isserlis, Olli Mustonen

Cellovirtuosität pur

Steven Isserlis und Olli Mustonen begeistern mit Werken russischer Meister der Klassischen Moderne.

Was treibt uns an, neue CDs zu kaufen? Mich auf jeden Fall Interpreten und Solisten mit persönlicher Aussagekraft und technisch unangefochtener Souveränität sowie künstlerisch überragendem Format. Zu Ihnen zählen sowohl der weltgewandte Cellist Steven Isserlis als auch der feurig agierende finnische Pianist und Dirigent Olli Mustonen. Beide legen jetzt bei Hyperion brandneu die Sonaten op. 40 von Dmitri Schostakowitsch sowie op. 71 von Dmitri Kabalewski vor. Dazu nehmen sie Sergej Prokofjews Ballade C-Dur op. 15, dessen Adagio aus 'Aschenbrödel und der Prinz', Kabalewskis 'Rondo in memory of Prokofiev' sowie Schostakowitschs 'Moderato' für Cello und Klavier ins Visier – alles Werke russischer Meister des beginnenden 20. Jahrhunderts, die wir allesamt der Klassischen Moderne zuordnen. Und die Freunde der Cello-Musik dürfen ebenfalls jubeln: Brillanter, sonorer, vollkommener, atemberaubender hat man diese Werke selten gehört.

Weltklasse

Gleich im 'Allegro non troppo' von Schostakowitschs Cello-Sonate op. 40 erlebt der Hörer seidenweichen Sound, als ob die beiden Brahms musizierten. Isserlis – der selbst den informativen Booklettext schrieb – nennt es die ‚unschuldige Melancholie des Anfangsthemas‘, die den Hörer hier sofort fesselt. Das Klavier blitzt dazu immer wieder auf, aber behält sich stets seine Eigenständigkeit, ohne die Partnerschaft aus dem Auge zu verlieren. Das Seitenthema nimmt der Pianist im erzählerisch-freien Rubato, was dem Charakter der Musik völlig entspricht. Isserlis gelingt es, dazu noch das nötige Quäntchen Virtuosität beizusteuern. So entsteht ein herrlich kompakter erster Satz. Im zweiten Satz, einem sarkastischen Menuett, ziehen die beiden eine gelungene Show ab. Hier tanzt der Derwisch auf den Tischen mit fiesen Hohl-Quinten im Klavier. Alles in der Begleitung klingt hier mehr nach Xylophon als nach Klavier. Richtig quietschig kostet der Cellist die Flageolett-Sechzehntelpassage aus. Das ist alles Weltklasse. Isserlis ist ja in der Tat künstlerisch rastlos rund um den Erdball aktiv und nicht nur in seiner Heimat Großbritannien ein gefeierter Star. Seine Diskographie ist dazu beeindruckend lang.

Im Largo versetzt das Duo den Hörer in Depressionen. Schon der Einstieg mit Dämpfer in der Introduktion verballhornt den Anfang von Beethovens A-Dur-Cellosonate und wird hier zur Farce. Wenn es losgeht mit den Achtelbewegungen im Klavier, beginnt die beeindruckende Werk-Erzählung der beiden, die als Wiedererkennungsmotiv ebenfalls ein Klopfmotiv – wie schon der erste Satz – bereithält. Die dynamischen Steigerungen geraten durch den zunächst geschmeidigen Fluss immer mehr in Ekstase und entladen sich schließlich in der schreienden Diskantlage im dreifachen Forte, ehe die Wallung wieder lyrisch abebbt und im völligen Nichts verhallt. Da sind beide Interpreten Meister. Das aberwitzig-ironische Schlussallegro ist ein Rondo, das mit unterschiedlichen Tonarten spielt, gerade so wie Prokofjew es ebenso liebte. Die beiden Künstler packen hier noch einmal eine gute Schippe Humor und Vitalität drauf, so dass ein gelungener Geniestreich abläuft, zackig im Rhythmus, knallhart das Ziel berechnend, einfach klassisch ergreifend.

Kaum Kontrast dazu in der Art der Komposition bietet Prokofjews Ballade op. 15. Das 11-Minuten-Werk in einem Satz könnte quasi Schostakowitsch als Vorlage für seine Sonate gedient haben, ist es doch bereits 1912 entstanden und atmet denselben Geist der Avantgarde, zu dessen Protagonisten damals auch noch Igor Strawinsky zählte, der soeben mit seinen Balletten 'Der Feuervogel' (1910) und 'Petruschka' (1911) mächtig für Furore gesorgt hatte.

Auf Fantastik getrimmt

50 Jahre nach Prokofjews Ballade schrieb Dmitri Kabalewski seine Cellosonate B-Dur op. 71, die wirklich noch einmal einen Schritt weiter geht und eine neue Variante von Cellomusik darstellt, die bereits zu seinem Spätwerk zählt. Hier ist alles auf Fantastik getrimmt: Freies Musizieren, teils mit irren Taktwechseln, würfelt althergebrachte Konzepte vollkommen durcheinander, so dass das Auge nur beschwerlich dem Notentext folgen kann. Verblüffende Effekte wie ‚sul ponticello‘ (quasi auf dem Steg gestrichen) bereichern diese Musik ungemein. Aber dann rauscht es auch gewaltig, wenn im 'Allegretto con moto' das ‚Tempo giusto‘ anhebt und die Szene in Rage gerät. Eine Klasse für sich ist da der makellose Steven Isserlis, der wie kein zweiter losfegt, als sei es gar nichts. Auch sein Pizzicato dröhnt mächtig im Mittelteil. Die Aufnahmetechnik ist brillant gesteuert. Alles bleibt durchhörbar und das knispelige seitenlange Ponicello wirkt da wie Hexengeflüster. Das sind Geschichten! Ein atemberaubender Satz. Und als sei es noch nicht genug der Herrlichkeiten, schließt sich noch ein furioses Finale an, bei dem Mustonen im Eifer aber gelegentlich die geforderten dynamischen Vorgaben verfehlt und zu laut spielt. Sei‘s drum.

Wie ein kurzes Encore fügt sich daran nahtlos Schostakowitschs 1986 wiederentdecktes 'Moderato' für Cello und Klavier. Überzeugend ist es in seiner vollendeten Lyrik (das Cello beginnt allein) und Proportion. Steven Isserlis und Olli Mustonen kommunizieren es mit Inbrunst und unverwechselbarem Charme. Klanglich erfüllt es in seiner traurigen Note alle Ansprüche großer Literatur. Bekannt ist das von Prokofjew eigens (für Gregor Piatigorskys Bruder Alexander Stogorsky) für Cello und Klavier arrangierte Adagio 'Aschenbrödel und der Prinz' op. 97 (1944) aus seinem abendfüllenden gleichnamigen Ballett. Auch hier atmet fantastischer Geist, der die Liebe des Prinzen zu Aschenputtel fokussiert. Das wird von Isserlis und Mustonen genial in Töne verwandelt. Große Musik! Mit Kabalewskis Hommage an Prokofjew op. 79 mit seinen magisch geschlagenen Pizzicati in der verblüffenden Kadenz schließt die CD wuchtig ab. Exzellent. Unbedingt anhören!


Manuel Stangorra, 04.11.2019

Label: Hyperion
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




Video der Woche:

Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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