Magazin: CD-Kritiken
Joseph Haydn and his London Disciples

Details zu Joseph Haydn and his London Disciples: Rebecca Maurer, Fortepiano

Joseph Haydn and his London Disciples: Rebecca Maurer, Fortepiano

Jenseits der Schülerschaft

Rebecca Maurer erkundet auf dem Fortepiano Werke von Komponisten, die Joseph Haydn einst inspiriert hat.

Joseph Haydns Besuche in London waren für ganze Generationen britischer Musiker einschneidend. Noch zum Bizentenarium 1932 schrieb die Londoner Musikpresse von der Bedeutung von Haydns Englandaufenthalten. Neben Konzerttätigkeit und gesellschaftlichen Verpflichtungen empfing Haydn auch einige wenige Schüler – doch die Zahl der hier vorgestellten Schüler dürfte bei weitem nicht den Einfluss spiegeln, den der Komponist auf seine dortigen Zeitgenossen ausübte. Wir wissen von vielen Musikern, dass sie sich durch Haydn inspiriert fühlten – ob in direkter oder ‚indirekter‘ Schülerschaft.

So weit erkundet die Pianistin Rebecca Maurer die Musikgeschichte. Im Gegenteil bezieht sie sich fast ausschließlich auf die Forschung einer Autorin zu Haydns Einfluss auf die britische Hausmusik. Bedenkt man, dass Stanley Sadie, dem Musikkenner als Herausgeber des New Grove Dictionary of Music and Musicians wohlbekannt, schon in den 1950er-Jahren zu weiteren Untersuchungen den Grundstein legte, ist das hier vorliegende Ergebnis bescheiden. Neben zwei einrahmenden Haydn-Sonaten der Jahre 1794/95 (warum nicht auch 1790?) bietet Maurer von Christian Ignatius Latrobe (1758–1836) nur den langsamen Satz aus der Sonate A-Dur op. 3/1 aus dem Jahr 1791, dafür von Thomas Haigh (1769–1808?) eine 'Fantasie über die Kaiserhymne' (1817), die Klavierbearbeitungen dreier Canzonetten (1796) sowie die Haydn gewidmete zweisätzige Sonate B-Dur op. 10/2 (1796). Und es sind die Werken der Haydn-Schüler, in denen Maurer sich offenkundig am inspiriertesten fühlt (natürlich ist der Tonträgermarkt der Haydn-Klaviersonaten, auch auf historischen Instrumenten, bereits reich bestückt). In Haighs Fantasie hört man weniger Haydn als vielmehr auch Beethoven und damit einen Stil, der Haydn unmittelbar kaum mehr verbunden ist. Da überzeugt seine Sonate auch durch die Formgestalt (Sonatenhauptsatz + Rondo über ein bekanntes Lied) in Sachen Schülerschaft weit mehr; die durchaus ambitionierte Einrichtung der drei Canzonetten in Rondoform ist charmant, aber auch ein typisches Vermarktungsmittel, um von der Popularität Haydns zu profitieren. Von Latrobe hätte man gern mehr gehört, auch weil der vorgestellte Sonatensatz von großem Ernst und tiefer Empfindung getragen ist.

Vielleicht am betrüblichsten sind die Bookleteinlassungen der Pianistin, die ganz den Forschungsergebnissen anderer vertraut und sich dadurch selbst als historisch eher ‚fremdinformiert‘ erweist. Wünschen wir ihr in Zukunft mehr eigenständigen Entdeckergeist, mit dem sie ihre ausgezeichneten Fähigkeiten am Hammerflügel fruchtbringend verbinden kann. Der Broadwood-Flügel des Jahres 1816 aus der Sammlung Irnberger ist hier ihr kongeniales ‚Arbeitsgerät‘, auch wenn er für den Großteil der hier dargeboten Musik eigentlich zu jung ist.


Dr. Jürgen Schaarwächter, 15.05.2019

Label: Genuin , VÖ: 08.02.2019
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Booklet: 




Video der Woche:

Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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