Magazin: CD-Kritiken
Reger, Max: Klavierkonzert, Klavierstücke

Details zu Reger, Max: Klavierkonzert, Klavierstücke: Markus Becker, NDR Radiophilharmonie, Joshua Weilerstein

Reger, Max: Klavierkonzert, Klavierstücke: Markus Becker, NDR Radiophilharmonie, Joshua Weilerstein

Im Dialog

Markus Becker und die NDR Radiophilharmonie unter Joshua Weilerstein gefallen mit ihrer Interpretation von Regers als 'schwierig' geltendem Klavierkonzert.

Im Dialog versteht sich vieles leichter. Markus Becker hat viel unbekanntes Repertoire erkundet, immer wieder in Fühlung mit der Forschung, mit anderen Musikern, mit dem Publikum. Auch mit sich selbst – und wenn we auf seiner neuen Reger-Platte das Klavierkonzert f-Moll op. 114 mit den nahezu zeitgleich entstandenen 'Episoden' op. 115 für Klavier solo in Dialog treten lässt, so erhellt das Eine das Andere. Regers Klavierkonzert wird gerne gemieden, weil es dem ‚Tastenlöwen‘ kaum Platz zur Selbstinszenierung lässt, weil es technisch horrend schwer ist, weil das Orchester sehr viel üben muss, weil der Dialog zwischen Solist und Orchester nicht von selbst gelingt, weil beides einander bedingt.

Markus Becker beherrscht seinen Reger – selbst wenn er gelegentlich über ihn fluchen mag. So viele Noten, und vieles, das man nicht leicht memorieren kann, weil es oft eben doch ein bisschen anders weitergeht als naheliegend wäre. Beckers Einsichten im Booklet-Interview sind immer auch für das Publikum hilfreich, seine interpretatorischen Einsichten in der Aufführung überzeugen in den dramatisch-kraftvollen wie in den lyrisch-weichen Momenten gleichermaßen. Beckers Spiel ist von großer Klarheit, ohne unnötigen Pedalgebrauch, der Regers opulentem Klang und der Dichte seiner Texturen nur schädlich sein kann.

Prächtiger Dialog

Doch hat Markus Becker auch einen prächtigen Dialogpartner. Die NDR Radiophilharmonie Hannover unter Joshua Weilerstein setzt kaum weniger auf Klarheit, ohne die Texturen auszudünnen. Klarheit und Verständlichkeit waren Reger immer ganz besonders wichtig, und man spürt in jedem Moment die sorgfältige Auseinandersetzung mit dem Mammutwerk von zwar ‚nur‘ knapp 37 Minuten, für das lange Zeit die historische Einspielung mit Rudolf Serkin und dem Philadelphia Orchestra unter Eugene Ormandy als Referenz galt und das hier in den Proportionen genau richtig wirkt. Dort allerdings war das Orchester kein rundum gleichwertiger Partner – hier dialogisieren die Musiker bis in die ‚kleinsten Zweiglein‘ (bis zum Schlussapplaus kann man sich kaum vorstellen, hier einen Live-Mitschnitt vor sich zu haben, der im Booklet auch nicht genauer als Januar 2017 spezifiziert wird). Jeden Moment möchte man als Zuhörer auskosten, sich in den Schönheiten insbesondere des Klavierparts verlieren, gleichzeitig bewundert man den immensen Einsatz des Orchesters. Becker kennt seinen Reger, konnte so auch dem Orchester bei der Erkundung der Proportionen des Werks helfen, doch bleibt das Orchester im Finale im Vergleich zum Solisten um Nuancen zu kalkuliert, zu wenig überschäumend witzig (wohl auch schwierig herauszukitzeln).

Was für ein Kontrast sind dann die ersten fünf der acht 'Episoden' op. 115 für Klavier allein – Miniaturen, die, wären sie in Regers altem Verlag Lauterbach & Kuhn erschienen, 'Aus meinem Tagebuch' Band V geheißen hätten – teilweise introvertierte, teilweise leidenschaftlich-zerrissene ‚Albumblätter‘, in denen Reger allen Ballast loslässt und er selbst ist. Was mag ihn bewegt haben in diesem Sommer 1910 in Oberaudorf in Oberbayern, wo er viel im Luegsteinsee schwamm (‚ich kann nämlich Schwimmen besser als Kontrapunktieren‘), wo er wanderte und seine Schülerinnen Sophie Maur und Johanna Senfter traf, wo er die Korrekturfahnen des Klavierkonzerts durcharbeitete, wo er aber auch ein Kind im Bergsee ertrinken erlebte? Zuletzt der Choral aus dem frühen Opus 13, ein verinnerlichter, schlichter Abschluss einer furiosen CD.


Dr. Jürgen Schaarwächter, 22.03.2019

Label: CAvi-music , VÖ: 25.01.2019
Spielzeit: 57:42 , aufgenommen 1/2017
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




Video der Woche:

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