Magazin: CD-Kritiken
Liszt, Franz: Études d'exécution transcendante

Details zu Liszt, Franz: Études d'exécution transcendante: Boris Giltburg, Klavier

Liszt, Franz: Études d'exécution transcendante: Boris Giltburg, Klavier

Das Liszt-Problem

Boris Giltburgs Diskographie weist ihn als Experte der romantischen Pianistik aus. Mit Liszts 'Transzendentaletüden' ergänzt er sein Repertoire nun um einen wichtigen Baustein.

Franz Liszts 'Études d'exécution transcendante' sind ein Markstein der Pianistik des 19. Jahrhunderts wie die beiden Etüdenbände Chopins. Kompositorisch eine Fülle von innovativen Satztechniken, interpretatorisch die Umsetzung von Liszts Credo, dass auf dem Klavier alles darstellbar sei, wofür sonst ein ganzes Orchester versammelt werden muss. Sich an ihnen zu bewähren, ist für keinen Interpreten leicht, umso mehr als heutige Interpreten es in einem fundamentalen Sinne schwerer haben als ihre Pendants vor 150 Jahren. Liszts Klavierspiel kannten seine Zeitgenossen nur ‚live‘, denn die Konserve war noch nicht erfunden und damit ein ernstes Problem für Interpreten noch nicht vorhanden: eine Interpretation zu finden, die auch mehrmaligem Hören standhält.

Dieses Problem lässt sich auch hier studieren: Boris Giltburg arbeitet stark mit Accelerandi, Ritardandi und Atempausen. Das lässt sich an den Etüden Nr. 6 ('Vision'), Nr. 8 ('Wilde Jagd') und Nr. 10 besonders gut beobachten. Da wünscht man sich einen geradlinigeren Aufbau der Spannung. Das Prinzip der Überraschung durch Tempowechsel überrascht schon bald nicht mehr, wird stattdessen selbst vorhersehbar. Im Konzert kann man das Publikum mit solchen Überraschungseffekten leichter in Bann halten und Liszt muss ein Meister dieses Spiels mit den Erwartungen gewesen sein. Die Tonkonserve stellt die aufgenommene Interpretation nun als ewiges Dokument hin und fordert vom Interpreten die Rechtfertigung seiner Manierismen durch ein umfassendes Konzept, soll es nicht als reine Willkür gelten.

Geschichten erzählen

 

Was macht nun einen guten Liszt-Interpreten aus? Doch wohl in der agogischen und dynamischen Gestaltungsfreiheit das richtige Maß zu finden, zwischen Manieriertheit und Zurückhaltung die goldene Mitte auszumachen. Giltburg setzt Charakterisierung vor Bravour. Das gilt nicht nur für die das Programm eröffnende 'Rigoletto'-Paraphrase, der sich anhand von Verdis Oper ein konkreter Inhalt unterlegen lässt, sondern auch für die mit poetischen Titeln versehenen zwölf 'Études d'exécution transcendante'. Es geht ihm nicht darum, Geschwindigkeitsrekorde aufzustellen oder jede Passage möglichst brillant darzubieten. Nicht selten verzichtet Giltburg auf virtuosen Effekt, viel wichtiger ist ihm das Erzählen einer kleinen Geschichte, das Ausmalen eines stimmungsvollen Bildes, was ihm sehr gut gelingt.

Insgesamt keine unproblematischen Lesarten, die aber den Vorzug haben, auch längst bekannte Werke wieder frisch hören zu lassen. Wem seine Rachmaninow-Einspielungen, ebenfalls bei Naxos, gefallen haben ('Préludes', 'Études-tableaux', 'Moments musicaux'), der wird auch bei Liszt auf seine Kosten kommen. Giltburg betreibt einen eigenen Blog ('Classical Music for All') und so ist es nur natürlich, dass er den klugen Begleittext selbst verfasst hat (nur auf Englisch abgedruckt). Einen unbestreitbaren Vorzug dieser CD bildet der klangvolle Fazioli-Flügel. Auch Louis Lortie griff für seine Aufnahme der Lisztschen 'Années de Pelerinage' zu einem Fazioli mit ebenso prächtigem Ergebnis wie hier.


Sebastian Rose, 12.11.2019

Label: Naxos
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




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Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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