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Boieldieu, Francois-Adrien: Overtures, Piano Concerto in F major

Details zu Boieldieu, Francois-Adrien: Overtures, Piano Concerto in F major: Natasa Veljkovic, Orchestra della Svizzera italiana, Howard Griffiths

Boieldieu, Francois-Adrien: Overtures, Piano Concerto in F major: Natasa Veljkovic, Orchestra della Svizzera italiana, Howard Griffiths

Lyrische Dramatik

Ein ungewohnter Blick ins nachrevolutionäre musikalische Frankreich.

Wer kennt heute noch die Oper 'La dame blanche' – jenen einst berühmten Kassenschlager François-Adrien Boieldieus? Noch weit weniger bekannt ist Boieldieus weiteres Schaffen, die Opern oder die Orchestermusik. Das mag unter anderem daran liegen, dass Boieldieus Schaffen nicht selten knapp am Rande der ‚Nachklassik‘ anzusiedeln ist, sozusagen eine lyrischere Variante Carl Maria von Webers. Wo sein Zeitgenosse François-Daniel Esprit Auber mit ‚gröberer‘ Orchestrierung klar im postrevolutionären Frankreich verortet ist, scheint Boieldieu eher mit Cimarosa oder Méhul vergleichbar. Als Opernkomponist war Boieldieu eine nicht zu unterschätzende Größe bis ins frühe 20. Jahrhundert – danach nach die Pflege seiner Musik sukzessive ab, besonders nach dem Bizentenarium 1975.

Das Orchestra della Svizzera italiana unter Howard Griffiths hat hörbar Freude an der Erkundung dieses doch im Schatten versunkenen Komponisten, wobei die sechs hier vorgelegten Opernouvertüren (die vielleicht auch signalisieren, dass in den nächsten Jahren mit keinen Gesamteinspielungen aus dem Hause cpo zu rechnen ist) ganz unterschiedliche Sphären erkunden. Hier finden wir denn auch 'La dame blanche', aber auch 'Jean de Paris', 'Le Calife de Bagdad' oder 'Ma tante Aurore'; am unbekanntesten dürften die Ouvertüren zu 'Emma ou la Prisonière' und 'Les voitures versées' sein.

Einheitlichkeit und Wärme

Eine besondere Rarität ist Boieldieus Klavierkonzert F-Dur – besonders einmal, weil es sich um ein nur selten eingespieltes Jugendwerk handelt, aber auch weil es eine ungewöhnliche zweisätzige Form hat, die man von Klaviersonaten der Zeit sehr wohl kennt, die aber bei Klavierkonzerten zu den Ausnahmen zählt. Der erste Satz ist ein sehr umfangreiches Allegro, der zweite ein Variationensatz. Hier haben wir einen ganz der sogenannten Wiener Klassik verpflichteten Komponisten, der dennoch eigene Akzente zu setzen versucht, wenn auch an manchen Stellen noch eindeutig auf dem Weg zu einem eigenen Stil ist. Interessant sind die Anklänge an Beethoven, und die Suche nach dem jungen Boieldieu erweist sich als gar nicht so einfach. Nataša Veljković erweist sich als Prima inter orchestram, so dass eine Interpretation von schöner Einheitlichkeit und klassischer Wärme zustande kommt; man fühlt sich an Hyperions Reihe 'The Romantic Piano Concerto' erinnert, in dem Boieldieus Werk bislang noch fehlt.

Eine insgesamt äußerst interessante Ergänzung des Bildes der französischen Musik unmittelbar nach der Revolution. Howard Griffiths‘ musikalisches Feingespür, das sich in unzähligen Tonträgerproduktionen immer wieder bestätigt hat, kommt hier einmal mehr bestens zur Geltung. Das Orchestra della Svizzera italiana mag nicht über die Raffinesse eines historisch informierten Klangkörpers, aber auch nicht der Academy of St. Martin-in-the-Fields verfügen, doch ist die gemeinsame Leistung von Zuneigung zu der Musik und interessiertem Respekt getragen.


Dr. Jürgen Schaarwächter, 30.01.2019

Label: cpo
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Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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