Magazin: CD-Kritiken
Vienna - Fin de Siècle

Details zu Vienna - Fin de Siècle: Barbara Hannigan, Reinbert de Leeuw

Vienna - Fin de Siècle: Barbara Hannigan, Reinbert de Leeuw

Wer die Sehnsucht kennt

Barbara Hannigan und Reinbert de Leeuw tauchen tief ins Wiener Fin de Siècle ein.

Wenn jemand im klassischen Musikbetrieb den Titel Primadonna der Moderne verdient hat, dann ist es die kanadische Sopranistin Barbara Hannigan. Sie hat sich dem Zeitgenössischen mit Leib und Seele verschrieben – mittlerweile nicht nur als Sängerin, sondern auch als Dirigentin von Format, die in Konzerten zunehmend in Doppelfunktion auftritt. Zu ihrem bevorzugten Repertoire gehören Opern wie Ligetis 'Le grand macabre', Zimmermanns 'Die Soldaten' oder Bergs 'Lulu'. Gleichen Wert legt sie auf Uraufführungen, hat wichtige Bühnenwerke wie Brett Deans 'Hamlet' und George Benjamins 'Written on Skin' oder Hans Abrahamsens Liederzyklus 'Let me tell you' kreiert.

In ihrem aktuellen Album 'Vienna' begibt sich Barbara Hannigan mit ihrem im Zeitgenössischen ebenso bewanderten Pianisten Reinbert de Leeuw, mit dem sie bereits ein Satie-Programm eingespielt hat, tiefer als gewohnt in die Vergangenheit. Was für sie nur folgerichtig ist, denn der Weg zurück führt zu den Wurzeln der Moderne, genauer in das Wien um 1900. Die Wiener Moderne: Sie steht für eine kulturelle und intellektuelle Blütezeit, die nicht zuletzt mit Sigmund Freunds Gründung der Psychoanalyse einen Gipfelpunkt erreicht. Auch musikalisch markiert die Zeitenwende einen Umbruch. Die sogenannte Zweite Wiener Schule mit Arnold Schönberg als Leitfigur experimentiert mit kühnen Harmonien bis zur Überwindung der Tonalität und wird zur Keimzelle der Atonalität und Zwölftonmusik. Die für das Album ausgewählten 31 Lieder bilden diese neue Klangwelt ab, auch wenn manche von ihnen noch spätromantisch geprägt sind. Schönbergs 'Vier Lieder' eröffnen das Programm, es folgen Vokalstücke von Alexander von Zemlinsky, Anton Webern, Alban Berg, Alma Mahler und Hugo Wolf.

Barbara Hannigan ist aufgrund ihrer Erfahrung mit zeitgenössischer Musik prädestiniert für diese Grenzgänger in die Moderne. Sie gibt jedem Stück – die meisten beschreiben fragile Gemütszustände und Naturstimmungen – durch eine Vielzahl von Zwischentönen, sinnlichen Farben und feinen Schattierungen ein eigenes Profil. Nur hinsichtlich der Textdeutlichkeit und plastischen Artikulation bleiben Wünsche offen. Was daran liegen mag, dass die Sängerin ihren Sopran fast instrumental einsetzt, quasi im Dialog mit dem Piano. Hier zeigt sich die Kunst von Reinbert de Leeuw. Er ist nicht allein ein einfühlsamer Klavierbegleiter, sondern vielmehr ein gleichberechtigter, ungemein differenziert spielender Partner.

Der musikalisch-dichterische Hintergrund von 'Vienna' wird im Booklet-Text erhellend erklärt und analysiert. Erwähnt wird nicht das durchaus spannungsvolle Beziehungsgeflecht, das diese Komponistengruppe, zu der Alma Mahler als einzige Frau gehörte, privat und künstlerisch miteinander verband. Aber es geht ja hauptsächlich um die Musik und ihre Interpretation – und die stimmt in 'Vienna'.


Karin Coper, 16.04.2019

Label: Alpha Classics , VÖ: 20.09.2018
Interpretation: 
Klangqualität: 
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Booklet: 




Video der Woche:

Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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