Magazin: CD-Kritiken
Rachmaninov, Sergei: Preludes

Details zu Rachmaninov, Sergei: Preludes: Claire Huangci, Klavier

Rachmaninov, Sergei: Preludes: Claire Huangci, Klavier

Introvertierter Rachmaninow

Claire Huangci hat eine extrem detailfreudige und kontrollierte Interpretation aller Préludes von Rachmaninow vorgelegt.

Fortissimo schrieb Rachmaninow über die ersten beiden Takte seines berühmtesten Préludes, dem in cis-moll. Mezzoforte spielt Claire Huangci diese ersten Töne ihrer neuen Platte, Tendenz eher zum Mezzopiano. Die junge Pianistin hat eine Gesamtaufnahme aller 24 Préludes von Rachmaninow vorgelegt, und so zurückhaltend, introvertiert und unaufdringlich hat man die Musik des Tastenlöwen selten gehört. Das ist natürlich Geschmackssache, jedenfalls aber nicht ganz unproblematisch, verlangte Rachmaninow doch häufig extreme Dynamik. In seinem cis-moll-Prélude, teilweise in vier statt zwei Systemen notiert, weil es so massiv ist, findet sich zum Beispiel die extreme dynamische Anweisung ‚sffff‘. Eigentlich ein klarer Fall: Wenn man da nicht mit Gewalt in die Tasten donnert, wo dann? Claire Huangci deutet den enormen Spannungsbogen in diesem Prélude nur vorsichtig an, geprägt ist ihre Interpretation stattdessen durch größte Ruhe. Und so spielt sie auch die meisten anderen Préludes. Ihre Aufnahme ist ausgesprochen akkurat und transparent, Freiheiten im meist nicht zu raschen Tempo erlaubt sich die Pianistin nur in vergleichsweise geringem Maße.

Brillanter Anschlag

Besonders unter den 13 Préludes op. 32 findet sich durchaus eine handvoll, in denen Claire Huangci wirklich starken Eindruck macht, und das hat viel mit ihrer extrem sorgsamen Artikulation zu tun. Staccato etwa, gar nicht so selten in Rachmaninows Notentext, von Interpreten aber nicht eben häufig hörbar gemacht, nimmt sie wirklich einmal ernst und fördert überhaupt so manches überraschende Detail zutage, und das in einem eigentlich doch recht bekannten Repertoire. Detailfreudigkeit und ein brillanter, oft absolut federleichter Anschlag: Wer Claire Huangci kennt, wird davon nicht überrascht sein, besonders bei Scarlatti hat sie mit diesen Qualitäten in der Vergangenheit bereits phänomenale Resultate erzielt.

Aber zwischen Scarlatti und Rachmaninow liegen eben Welten, und so fällt gerade in einem Prélude wie dem ‚alla marcia‘ op. 23/5 auf, nach dem in cis-moll wohl das berühmteste, dass ihrem höchst kontrollierten Spiel die unmittelbare Wucht völlig fremd ist. Im Beiheft wird an einer Stelle der Pianist Alexis Weissenberg zitiert. Einen besseren Kronzeugen könnte man kaum finden, denn der hatte zu Rachmaninow einiges zu sagen. So äußerte er auch einmal, eine musikalische Interpretation solle immer ‚spontan und somit improvisiert klingen. Rachmaninow war einer der letzten Pianisten, der den Eindruck erweckte, er würde alles auf der Bühne improvisieren. Bei ihm wurde Musik nicht ausgeführt, sondern auf der Bühne erfunden.‘

Weissenberg selbst hat ebenfalls eine Gesamtaufnahme aller Rachmaninow-Préludes vorgelegt, die inzwischen runde 50 Jahre alt und noch immer der Maßstab schlechthin ist. Denn auch seine Interpretation ist höchst nuanciert und technisch geradezu sensationell perfekt, und dennoch vermittelt sie vor allem einen ungemein impulsiven Charakter. Weissenberg donnert mit kräftiger Pranke, vernachlässigt aber das Pianissimo keineswegs, seine Interpretation kennt beide Seiten und ist wahrscheinlich gerade deshalb heute legendär. Zugeben muss man allerdings, dass er dynamische Anweisungen dabei zuweilen ausgesprochen großzügig auslegt.

Kontrolle ist alles

Diese impulsive Seite jedenfalls fehlt bei Claire Huangci völlig, ihre Aufnahme klingt nicht einmal im Ansatz improvisiert und spontan, im Gegenteil: Kontrolle ist alles. Freilich trägt zu diesem Eindruck auch der perfekte, aber auch recht kühl wirkende Klang bei: Keine Anschlags- oder Pedalgeräusche sind zu hören, kein Atmen und Schnaufen, erst recht kein Mitsummen wie einst bei Glenn Gould. Mitreißend wirkt Claire Huangcis Rachmaninow insgesamt kaum. Dem wirklich aufmerksamen Hörer kann ihre auf die Spitze getriebene Detailverliebtheit aber stellenweise ein sozusagen intellektuelles Vergnügen bereiten.


Jan Kampmeier, 27.11.2018

Label: Berlin Classics
Interpretation: 
Klangqualität: 
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Booklet: 




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