Magazin: CD-Kritiken
Saito, Takanobu: Tokyo Story

Details zu Saito, Takanobu: Tokyo Story: Miki Aoki

Saito, Takanobu: Tokyo Story: Miki Aoki

Saitos Kosmos

Die Pianistin Miki Aoki erweckt die melodischen Klänge des Filmmusikkomponisten Takanobu Saito zum Leben.

Eines sei gleich vorweggenommen: Wer erwartet, auf 'Tokyo Story' traditionell japanischen Klängen zu begegnen, wird überrascht werden. Die Musiktitel, allesamt vom Komponisten Takanobu Saito (1924–2004), sind eingängige Werke mit ausnahmslos westlicher Tonsprache, bei denen das Zuhören einfach Spaß macht. Die Entstehungsgeschichte des Albums ist so filmreif wie seine Musik: Alles begann damit, dass Saitos Sohn zufällig eine alte Audiokassette im Nachlass seines Vaters fand und daraufhin nach den dazugehörigen Originalmanuskripten suchte. Dabei handelte es sich um Klavierarrangements zu Filmmusiken, die Saito für den bekannten japanischen Regisseur Yasujiro Ozu (1903–1963) schrieb. Nach einer öffentlichen Vorführung der Fundstücke entstand die Idee, Saitos Werke vor dem Vergessen zu bewahren. Schlussendlich konnte die japanische Pianistin Miki Aoki als Interpretin für das Projekt gewonnen werden, dessen Tonträger nun beim Label Profil der Edition Günter Hänssler veröffentlicht wurde.

Beachtlicher Formenreichtum

'Tokyo Story' hat den Anspruch, auf einer CD die besten Werke Takanobu Saitos zu vereinen, wozu neben der Musik für diverse Ozu-Filme auch kleinere eigenständige Werke und Auszüge aus seiner wortwörtlich fantastischen 'Space Fantasy' gehören. Saitos Musik spiegelt neben einer großen emotionalen Bandbreite auch einen beachtlichen Formenreichtum wider. So finden sich auf der Titelliste Polkas, Menuette, Märsche, Walzer, eine Barcarole, ein Nocturne und noch vieles mehr. Am Ende der CD wird deutlich, dass Saito im stetigen Wechsel von Form und Thema dennoch eine beständige musikalische Sprache etablieren konnte, die sich beim Hören durchzieht wie ein roter Faden. Einzig durch die Besetzung mit einem Solo-Piano sind der klanglichen Vielfalt auf natürliche Weise Grenzen gesetzt.

Die Musik in Ozus Filmen hat vor allem die Funktion, Stimmungen zu erzeugen und zu verstärken. Dementsprechend gefühlsbetont ist die erste Hälfte des Albums mit Saitos Filmmusiken. Thema und Nocturne aus dem titelgebenden Film 'Tokyo Story' beispielsweise sind durchzogen von einem melancholischen Grundtenor. Die Pianistin Aoki nimmt sich hier bewusst Zeit, in der sie das Thema feinfühlig entwickelt, ohne dass das Erlebnis langatmig wirkt. Die Polka aus 'Floating Weeds' strotzt dagegen vor Heiterkeit, welche die Musikerin mit viel Elan umsetzt. Ihren selbstbewussten Anschlag setzt sie hierfür mit Bedacht ein und verhindert so, dass die Musik grotesk übersteigert wird. Zudem beweist sie viel Geschick mit schnellen Tempi- und Stimmungswechseln, wie die Themen zu 'Equinox Flower' oder auch 'Late Autumn' beweisen.

Interstellare Visionen

In 'Three Jewels' glänzt Aoki mit einer äußerst beweglichen Spielweise. Für das helle, schimmernde 'Emerald' lässt sie die Töne ineinander fließen und ihre temperamentvolle Interpretation von 'Topaz' beeindruckt mit warmen, gut durchleuchteten Tiefen. Erwähnenswert sind außerdem die Auszüge aus der 'Space Fantasy' für Klavier von 1992. In den elf Titeln zeigt sich das beeindruckende Ausmaß der Kreativität des Komponisten. Sei es seine interessante Roboter-Interpretation in der 'Martian Robots‘ Gavotte', der 'Great Polestar March' oder die 'Bacarole of the Milky Way' – Saitos interstellare Visionen sind so faszinierend wie unterhaltsam und Aoki verarbeitet sie alle mit traumwandlerischer Sicherheit.

Die Mängel des Albums sind weniger in der Musik als vielmehr im dürftigen Begleitmaterial zu finden. Das Booklet lässt schmerzlich die Biografie des hierzulande größtenteils unbekannten Komponisten vermissen. Außerdem bedarf es Informationen zu den Filmen sowie zu den einzelnen Titeln, um als Hörer die Musik in einen ausreichenden Kontext stellen zu können, wenn nicht bereits die emotionale Einleitung von Saitos Sohn Tamio Neugier auf Ozus Filmwerke weckt. Insgesamt ist 'Tokyo Story' Unterhaltung pur und seine beträchtliche Vielfalt bietet dem Hörer mit jedem Titel neue klangliche Erlebnisse.


Maxi Einenkel, 30.11.2018

Label: Profil - Edition Günter Hänssler
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




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