Magazin: CD-Kritiken
Gade, Niels W.: Chamber Works Vol.4

Details zu Gade, Niels W.: Chamber Works Vol.4: Ensemble MidtVest

Gade, Niels W.: Chamber Works Vol.4: Ensemble MidtVest

Mit Leidenschaft

Das Ensemble MidtVest überzeugt mit dem vierten Teil seiner Gesamteinspielung des kammermusikalischen Schaffens von Niels Wilhelm Gade.

Gemeinsam mit dem Label cpo hat sich das dänische Kammerensemble Ensemble MidtVest der Erschließung des gesamten kammermusikalischen Schaffens von Niels Wilhelm Gade (1817–1890) angenommen. Ein lobenswerter Vorsatz, denn Gade steht zumeist im Schatten von Zeitgenossen wie Mendelssohn oder Schumann. Dabei ist der Däne kein unbeschriebenes Blatt und in den vergangenen Jahrzehnten hat sich erfreulicherweise in der musikwissenschaftlichen Forschung um seine Person einiges getan: Leben und Werk sind mittlerweile gut erschlossen – auch auf dem Tonträgermarkt. Mit seiner Gesamtaufnahme der Kammermusik leistet das Ensemble MidtVest hier also einen längst überfälligen Beitrag.

Gades Kammermusik wird von den Streichern dominiert, insbesondere von der Violine – was nicht verwunderlich ist, war er doch selbst ein hervorragender Geiger. Nur ein einziges seiner kammermusikalischen Werke kommt ohne Streichinstrumente aus: sein Opus  43 für Klarinette und Klavier. Das eigentlich elfköpfige Ensemble MidtVest ist im dänischen Raum eines der aktivsten Kammermusikensembles in variabler Besetzung, deren Musiker auf dieser Einspielung sowohl als Trio und Quartett als auch in Quintettformation eine gute Figur abgeben. Auf der vierten Folge des insgesamt fünfteiligen Projekts finden sich die 'Novelletten' in a-Moll op. 29 für Klaviertrio (1853/54), das Streichquartett in f-Moll (1851) und das einsätzige Streichquintett in f-Moll (1837).

Einen Höhepunkt dieser Folge stellen sicherlich die 'Novelletten' dar, eine Zusammenstellung  fünf abwechslungs- und einfallsreicher Charakterstücken, die in Bezug auf die instrumentale Umsetzung viele Feinheiten einfordert. Ana Feitosa (Violine), Jonathan Slaatto (Cello) und Martin Qvist Hansen (Klavier) stellen hierbei ihre Feinfühligkeit unter Beweis und zeichnen die einzelnen Sätze sehr präzise und musikalisch beweglich. Besonders getroffen ist der herrlich lyrische Tonfall des vierten Satzes Larghetto con moto, den die drei Musiker sehr eindrücklich musizieren und der zum vorherigen, eher aufbrausenden Moderato wunderbar kontrastiert. Zugkraft legen sie dann in das Finale, dem es weder an sensibler dynamischer Gestaltung noch an zupackender Akzentuierung fehlt. Diesem Finale beigefügt haben die Musiker den einst von Gade selbst verworfenen ursprünglichen Schlusssatz Allegro con fuoco. Dieser kommt wilder, ungezügelter und stürmischer daher, als man es vielleicht von Gades Tonsprache gewohnt sein mag. Die große Frage, die sich beim Hören stellt, ist: Warum hat Gade diesen Satz verworfen? In jedem Fall stellt er für diese Interpretation einen gelungenen Schlusspunkt dar, können die drei Interpreten hier nochmal ihrer Spielfreunde Ausdruck verleihen und einen fulminanten Schlusssatz formen.

Hervorblinzelnde Leidenschaft

Gades Kompositionsstil ist nicht bekannt für eine außerordentliche Leidenschaft. In der Werkzusammenstellung dieser Einspielung blinzelt sie hingegen öfter hervor: nicht nur im verworfenen letzten Satz der 'Novelletten', sondern auch in seinem Streichquartett f-Moll. Und auch diesem Werk hat er einst den Rücken gekehrt. Verwunderlich, denn diese Komposition wird zumeist gleichrangig mit seinem Streichquartett Opus 63 gesetzt. Gade überschrieb das Werk 12 Jahre nach seiner Entstehung mit dem Wort ‚Übungsstück‘ und legte es beiseite. Dennoch ist es sein erstes vollständiges Quartett. Hingegen ist unklar, ob er selbst je eine Aufführung dieses Quartettes veranlasst hat. Hier agiert das Ensemble in einer vierköpfigen Streicherbesetzung mit Karolina Weltrowska und Ana Feitosa (Violine), Sanna Ripatti (Viola) und Jonathan Slaatto (Cello). Die Musiker des Ensemble MidtVest beweisen hier eindrucksvoll, wie mühelos sie zwischen den einzelnen Besetzungen wechseln können, wie gut sie aufeinander eingespielt sind und welches Feingefühl sie für die Strukturen und Ausleuchtung der jeweiligen Stimmen an den Tag legen.

Das eigentliche Herzstück dieser Einspielung ist für mich allerdings das einsätzige Streichquintett in f-Moll aus dem Jahr 1837. Hier greift Gade die Besetzung mit zwei Celli auf, wie sie sich auch bei Schubert oder anderen Komponisten des frühen 19. Jahrhunderts findet. Zur bestehenden vierköpfigen Besetzung gesellt sich noch der Cellist Frederik Schøyen Sjölin. Wunderbar gelingt die recht düster und melancholisch gesetzte Einleitung, die zum stürmisch drängenden ersten Thema führt. Die fünf gestalten ihre Stimmen höchst eigenständig und ebenso lebendig wie akzentuiert. Dabei verlieren sie jedoch nicht die gesamte Linie des Satzes aus den Augen. Der dramatische Gestus, eine gewisse Düsternis, wird dabei sicherlich auch durch die tiefe Lage der doppelt vertretenen Celli verstärkt. Die immer wieder durchscheinenden lichtblickhaften Momente bilden dazu einen dramatischen Kontrast. Insgesamt gelingt ihnen damit ein sehr packender und zugleich intim musizierter Schlusspunkt der Aufnahme. Man darf also auf die nächste und abschließende Folge der Gesamteinspielung gespannt sein.


Yvonne Rohling, 16.10.2018

Label: cpo
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




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