Magazin: CD-Kritiken
Tschaikowsky / Juon: Piano Trios

Details zu Tschaikowsky / Juon: Piano Trios: Boulanger Trio

Tschaikowsky / Juon: Piano Trios: Boulanger Trio

Expressive Meisterwerke

Das Boulanger Trio kann mit Paul Juons Klaviertrio „Litaniae“ stärker überzeugen als mit Tschaikowskijs berühmtem Mammut-Trio.

Tschaikowskijs Klaviertrio gehört unbestritten zu den größten Meisterwerken der Gattung, zu denen auch von ganz besonderer Ausdrucksstärke. Das Boulanger Trio nun kombiniert dieses Werk auf seiner neuen Platte mit einem kaum bekannten Werk. Naheliegend ist da der Gedanke, dass dieses zweite Werk neben dem wuchtigen Brocken blass und unscheinbar bleiben könnte. Doch das ist keineswegs der Fall, denn auch Paul Juons (1872–1940) 'Litaniae' ist, obwohl Werk und Komponist im allgemeinen Bewusstsein so wenig präsent sind, ein großes Meisterwerk. Eines zwar, in das man sich etwas mehr einhören muss als in Tschaikowskijs ewigen Schlager, das dann aber die Mühe lohnt.

Kompakt und komplex

'Litaniae' op. 70, das vierte von nicht weniger als sechs Werken Juons für Klaviertrio und entstanden während und nach dem Ersten Weltkrieg, ist ein ebenso komplexes wie kompaktes Werk, einsätzig und in dieser Interpretation 18 Minuten lang. Der Komponist, in Moskau geboren und ausgebildet von den Tschaikowskij-Schülern bzw. Tschaikowskij-Verehrern Sergej Tanejew und Anton Arenskij, hat für sein Trio ein Programm mitgeteilt, was in der Kammermusik eher ungewöhnlich ist: Für die Neudeutsche Schule, deren Domäne die Programmmusik war, existierte die Kammermusik praktisch nicht. Auch Juons Bezeichnung ‚Tondichtung‘ findet man sonst eigentlich nur bei Orchestermusik. Besonders auffällig sind in diesem sehr reichen Werk Passagen, in denen die drei Instrumente mit Mixturakkorden psalmodierende Kirchengesänge imitieren, ein höchst verblüffender und reizvoller Effekt. Ein kurzes, prägnantes und geradezu obsessiv wiederholtes Motiv spielt eine wichtigere Rolle als Themen im eigentlichen Sinne, beides mag den Titel 'Litaniae' begründen. Bezüglich seiner Expressivität steht das Werk Tschaikowskijs Trio nicht nach, teilweise mag man sich vielleicht auch an die Namensgeberin des Ensembles, Lili Boulanger, erinnert fühlen.

Das Boulanger Trio interpretiert beide Werke ansprechend, hat aber letztlich bei Juon leichteres Spiel. Denn so schlüssig die Tschaikowskij-Interpretation auch wirkt, in der schieren Masse der Einspielungen ist es naturgemäß relativ leicht, in anderen Interpretationen Beispiele für noch energischeren Zugriff hier, noch differenzierteres Spiel dort zu finden. Umgekehrt müsste man schon sehr genau untersuchen, wo das Boulanger Trio noch wirklich neue Facetten findet. Erwähnt sei, beispielhaft, nur der Schluss des ersten Satzes, der hier in der Stimmung – Tschaikowskij verlangt dolce espressivo – frappierend gut umgesetzt ist. Insgesamt setzt das Ensemble offenbar auf elegante Transparenz, der gewaltige Variationensatz ist indes schon lebhafter und spannender aufgenommen worden.

Auch von Paul Juons 'Litaniae' sind, natürlich in weit geringerer Zahl, einige andere Aufnahmen greifbar, und auch diese älteren Einspielungen sind zum Teil keineswegs weniger gelungen, doch sind die Unterschiede zwischen den Interpretationen recht ausgeprägt. Das Boulanger Trio vereint Transparenz mit durchaus energischem Zugriff. Klanglich ist die neue Aufnahme gut gelungen, das Cello allerdings etwas weniger präsent als Geige und Klavier.


Jan Kampmeier, 14.11.2018

Label: CAvi-music , VÖ: 20.08.2018
Interpretation: 
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