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Stockhausen, Karlheinz: Klavierstücke I-XI

Details zu Stockhausen, Karlheinz: Klavierstücke I-XI: Sabine Liebner, Klavier

Stockhausen, Karlheinz: Klavierstücke I-XI: Sabine Liebner, Klavier

Virtuosität und Avantgarde

Sabine Liebner gibt faszinierende Einsichten in das Klavierwerk von Karlheinz Stockhausen.

Karlheinz Stockhausens 'Klavierstücke I–X' entstanden in den Jahren von 1952 bis 1961. Es sind auch die Jahre der Selbstfindung. Der Pianist Herbert Henck hat es einmal treffend zusammengefasst: ‚Jahre zwischen Studium und Weltgeltung, in denen er – geformt wie bestärkt durch Schönbergs Zwölftonlehre, Messiaens planmäßigen Materialaufbau und Weberns Vorbild konsequenter Werkstrukturierung – zu einer grundlegenden Neudefinition der musikalischen Elemente und ihrer Beziehungen untereinander gelangte.‘ Stichworte: ‚punktuelle Musik‘, ‚Musik im Raum‘, ‚Gruppenform‘, ‚Aleatorik‘, ‚Stille‘, ‚Geräusch‘, ‚Notation‘ und ‚statistisches Komponieren‘. Hört man heute diese Musik im zeitlichen Abstand, so ist es schon erstaunlich, welche neuen, stellenweise lyrischen Momente sich auf einmal erschließen. Zum Beispiel im 'Klavierstück VIII', das gewissermaßen punktuelle Klangmomente miteinander in Verbindung setzt, eben durch spannungsgeladene Stille, die zwischen den einzelnen Tonereignissen liegt. Und gerade hierin liegt das Verdienst der Pianistin Sabine Liebner, die sich jetzt alle Klavierstücke von Stockhausen neu eingespielt hat.

Subtile Synthese

Im Zuge des Abschiedes vom eindimensionalen Fortschrittsdenken schlägt nun die Stunde einer gerechteren Beurteilung dieser Klavierstücke. Das ehemalige scheinbare Widersprüchliche im Komponieren von Stockhausen erschließt uns Sabine Liebner ohne avantgardistischen Beweiszwang. Dass hierfür eine vollendete Technik notwendig ist, versteht sich von selbst. Liebner hat sich – wie deutlich zu hören ist – akribisch mit dem Notentext auseinandergesetzt. Ihr gelingt eine subtile Synthese der strengen Architektur von Stockhausens Musik und deren gleichzeitiger zarter Schwärmerei im Klangkosmos. Deutlich zu hören im 'Klavierstück V'. Der Geiger Yehudi Menuhin hat einmal festgestellt, dass wer ‚Klang wirklich in seiner ganzen Dimension aufnehmen will, muss Stille erfahren haben. … Stille als wirkliche Substanz, nicht als Abwesenheit eines Geräusches. Diese Stille ist Klarheit.‘ Und es ist eben genau dieses Moment, was diese Gesamteinspielung so faszinierend macht. Darüber hinaus werden Bezüge zu Claude Debussy ‚erhörbar‘, wie auch zu Igor Strawinsky ('Klavierstück IX').

Um es noch einmal zu betonen: Es ist erstaunlich, wie sich der Klangkosmos dieser Stücke mit zeitlichem Abstand so neu erschließt, vor allem, wenn er so intelligent und jenseits aller technischen Schwierigkeiten realisiert wird. Wobei deutlich wird, auf welch intelligente Weise Stockhausen das Formproblem einer größeren Kompositionen, die der Reihentechnik noch verpflichtet sind, innermusikalisch löst.

Die Aufnahmetechnik ist exzellent und bietet eine hervorragende akustische Abbildung des Instrumentes und der stellenweise extremen Dynamik. Keine Spur von übertrieben wirkender Überrepräsentanz und übertrieben wirkender, halliger Raumwirkung. Hier wirkte ein Tonmeister, der in der Tat sein Handwerk versteht. Der beigefügte Text von Wolfgang Rathert ist sehr kenntnisreich und zu empfehlen.


Michael Pitz-Grewenig, 02.09.2019

Label: WERGO , VÖ: 20.07.2018
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




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Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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