Magazin: CD-Kritiken
Brahms, Johannes: Opus 38 & 99

Details zu Brahms, Johannes: Opus 38 & 99: Claudio Bohorquez, Peter Nagy

Brahms, Johannes: Opus 38 & 99: Claudio Bohorquez, Peter Nagy

Fesselnd

Einspielungen des Cellisten Claudio Bohórquez sind vergleichbar mit einem Jahrhundert-Wein. Sie sind äußerst selten. Sie sind ausgereift. Ein Luxus, den er sich leistet. So entstehen Referenzeinspielungen.

Am Anfang Brahms, an dem kein Cellist vorbeikommt. So kann die Geschichte einer repräsentativen wie legendären Reihe von Einspielungen für Violoncello und Klavier beginnen. Das stellen Claudio Bohórquez und Péter Nagy mit den Cellosonaten op. 38 und op. 99 sowie den Zugaben – drei 'Ungarischen Tänzen' (Nr. 1, 5, 7) in der Bearbeitung von Alfredo Patti und op. 105 Nr. 1 'Wie Melodien zieht es' – in Aussicht. Denn selbst diese ‚Pastizzi‘ erklingen selten so ernsthaft durchdrungen wie auf der vorliegenden CD. Bislang ist die Diskographie von Claudio Bohórquez übersichtlich. Sein wohl prägendster Lehrer und Mentor Boris Pergamenschikow mag an dieser eher ungewöhnlichen Art der Zurückhaltung Anteil gehabt haben. Er lehrte seinen Schüler, dass die Interpretation eines Werkes Erfahrung, Reflexion, Auseinandersetzung und die Entwicklung eines individuellen Interpretationsstils erfordert. Dafür ließ sich Bohórquez über drei Jahrzehnte Zeit.

Gefeiert als junger Wilder mit überschäumendem Temperament und eigenwilligen Interpretationsauffassungen, ließ der Sohn von Musikern mit südamerikanischer Herkunft früh aufhorchen. Er gewann internationale Wettbewerbe, begründete seinen hervorragenden Ruf in der Klassikbranche als Solist wie Kammermusiker, zeigte als Interpret des Soundtracks zu 'Ten Minútes Older' von Paul Englishby auch keinerlei Berührungsängste mit dem Genre Film und experimentierte mit Installationsprogrammen auf dem Feld der Moderne. Boris Pergamenschikow prägte seinen Schüler aber nicht nur im Cellospiel, sondern übertrug auf ihn auch die Leidenschaft für eine Art des Unterrichtens, die zulässt, eigene Denkweisen in Frage zu stellen. 2003 erhielt Claudio Bohòrquez eine Gastprofessur an der Hochschule Hanns Eisler Berlin, 2011 wurde er Professor an der Musikhochschule in Stuttgart, 2016 folgte er dem Ruf zurück nach Berlin.

An der Musikhochschule in Stuttgart begann die musikalische Partnerschaft mit seinem Kollegen Péter Nagy, einem exzellenten Pianisten und gefragten Kammermusiker. Dass sich hier wesensverwandte Musikerpersönlichkeiten zusammengefunden haben, belegt ihr Zusammenspiel. Auf natürliche Weise gemeinsames Atmen ist für sie ebenso selbstverständlich wie ihre Befähigung, überaus subtil Emotionen auszudrücken. So binden sie den Hörer mit der ersten Note ein in eine Entdeckungsreise von klaren Strukturen und hoch emotionalem Ausdruck.

Revisionen

Brahms Jugendsonate op. 38 wurde komponiert im Überschwang der Gefühle, weil der Komponist in Clara Schumann regelrecht verschossen war. Vermeintlich ließ er sich von ihr locken, verbrachte Wochen in Baden-Baden in ihrer unmittelbaren Nähe und brachte im Finalsatz auf das Notenpapier, was ihm auszuleben nicht möglich war. Seine Vorliebe für den rauschhaft dunklen Klang des Cellos spiegelt sich in herrlichsten Kantilenen wider. Doch dann revidierte Brahms, wie es seiner Art entsprach und er es bei jeder Komposition tat. Stets hob er in dieser Phase seine Werke auf jene Stufe, die einer maßvollen Läuterung gleicht und auf das für ihn immanent Wesentliche konzentriert, auf die Kunst des Handwerks und die Schönheit, die sich fortwährend wandelt, ohne auch nur eine Note lang zu entschwinden.

Transparenz hinsichtlich seiner Arbeitsvorgänge ließ Brahms in diesen Phasen nicht gerne zu, vermied es möglichst, Entstehungsprozesse zu dokumentieren, was ihm im Freundeskreis nicht immer gelang. So sah er sich beispielsweise mit befremdlichen Anmerkungen seines Freundes Theodor Billroth konfrontiert, als op. 99 in den Handel kam und Billroth überrascht war, wie Brahms die Fortführung des miniaturhaften Cello-Motivs zu Beginn des ersten Satzes gelöst hatte.

Natürliche Intimität

Nicht nur dieser Anfang wird zum Hörabenteuer in der vorliegenden Interpretation. Gemeinsam verströmen Claudio Bohórquez und Péter Nagy eine Intimität im Spiel, die Raum lässt für entfesselte Leidenschaft, ohne zu überzeichnen. Mit jedem Hören wächst die Faszination für das nahtlos zusammengefügte, in sich dynamisch vitale Spiel, das den Blick für Strukturen wahrt, ohne zu dozieren, auf natürliche Weise dem musikalischen Fluss folgt und dem expressiven Ausdruck freien Lauf lässt. Im Booklet ist neben Anmerkungen zu den Werken auch über die Arbeitsweise des Duos zu lesen, doch noch mehr sprechen die Bilder. Bleibt zu hoffen, dass sich Claudio Bohórquez und Péter Nagy nicht allzu viel Zeit mit der Fortsetzung dieser hier begründeten Reihe lassen.


Christiane Franke, 31.01.2019

Label: Berlin Classics
Interpretation: 
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Booklet: 




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