Magazin: CD-Kritiken
Ries, Ferdinand: Romantic Piano Concerto Vol.75

Details zu Ries, Ferdinand: Romantic Piano Concerto Vol.75: Piers Lane, The Orchestra Now, Leon Botstein

Ries, Ferdinand: Romantic Piano Concerto Vol.75: Piers Lane, The Orchestra Now, Leon Botstein

Das Beste neben Beethoven

Piers Lane und das Orchestra Now zeigen sich hier nicht nur mit Temperament und Lust an Brillanz als Interpreten erster Güte, sondern rehabilitieren zudem die beiden späten Konzerte von Ferdinand Ries als lange unterschätzte Meisterwerke.

Mit Ferdinand Ries (1784-1838) ist die Musikgeschichtsschreibung in den letzten beiden Jahrhunderten nicht gnädig umgegangen: In der langen Ära des Beethoven-Heroenkults galt und gilt dessen Ries nicht nur als ein in seinen Erinnerungen nicht immer zuverlässiger Zeitzeuge, sondern auch kompositorisch als zeitlebens bloßer und blasser Epigone seines Lehrers. Ries durfte als direkter ‚Adlatus‘ quasi stellvertretend in Wien die letzten Klavierkonzerte des ertaubenden Beethoven aufführen und erwies sich mit internationalen Konzertaktivitäten auch in England und Frankreich als einer der herausragenden Pianisten wie Komponisten (u. a. Symphoniker) seiner Zeit.

Einen oft überraschend positiven Eindruck seines Potenzials und seiner großen Bandbreite vermitteln die bereits vorliegenden, überwiegend recht gut gelungenen Einzel- und Gesamteinspielungen von Orchesterwerken und Kammermusik (vor allem beim Label cpo), aber auch eine erste, bereits sehr ansprechende Gesamtaufnahme seiner erhaltenen acht Konzerte und Konzertstücke für Klavier und Orchester mit Christopher Hinterhuber am Klavier (Naxos). Hört man nun diese neue Einspielung der letzten beiden Konzerte sowie der brillanten 'Introduction et Polonaise' aus den Jahren 1827 bis 1833 (direkt nach Beethovens Tod), wird deutlich, dass eine herausragende Interpretation die Qualitäten solche Werke noch einmal deutlicher ins rechte Licht zu rücken vermag: Gegenüber Piers Lane und dem ebenso temperamentvoll wie präzise und klangschön agierenden Orchestra Now (ein von Dirigent Leon Botstein als Director am BARD College im Bundestaat New York hervorragend geschultes prä-professionelles Ensemble am Ausgang des Master-Studiums) wirken die wirklich schon guten Naxos-Aufnahmen mit Hinterhuber, Uwe Grodd und unterschiedlichen Orchestern fast noch zu vorsichtig und vor allem orchestral mit etwas zuviel Handbremse gespielt.

Lust am Virtuosen und Glanz des Orchestralen

Tatsächlich braucht Ries hier keinen Vergleich zu scheuen und rangiert hinsichtlich thematischen Einfallsreichtums und orchestraler Wucht (vor allem auch der großartigen Mittentutti in den Kopfsätzen, aber auch des dichten, symphonisch eingebetteten Klavierparts) an der Spitze der Gattungsproduktion im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts weit oberhalb von Konkurrenten wie Daniel Steibelt, Friedrich Kalkbrenner oder auch Johann Nepomuk Hummel und Carl Maria von Weber. Das fast pastoral eröffnete, sich bereits im symphonischen Tutti über charakteristisch stark kontrastierende Blöcke zuspitzende As-Dur-Konzert von 1827 mit dem etwas kitschigen Beinamen 'Gruß vom Rhein' weist wie das Polonaisen-Konzertstück im Klavierpart bereits deutlich chopinnahe Züge des ‚brillanten Stils‘ auf, und im ebenso variantenreichen, die Bläser stimmig als ständigen Widerpart des Solisten einsetzenden Ausbau als ‚symphonisches Konzert‘ steht vor allem das g-Moll-Konzert ganz in der Beethoven-Tradition und stellt seinen Komponisten gattungshistorisch nicht nach, sondern geradezu neben Beethoven wie auch die nachfolgenden Heroen Chopin und Liszt.

Indem Lane und Botsteins ebenso souveränes Orchester die Qualitäten bedeutender Beethoven-Interpreten fraglos erreichen (ich würde den interpretatorischen Ansatz mit Vladimir Ashkenazy und im orchestralen Zugriff vielleicht mit Colin Davis vergleichen), zeigen sie, dass gerade diese völlig überzeugenden Werke von Ries einen festen Platz auch im Live-Repertoire rechtfertigen würden. Hoffen wir auf weitere Aufnahmen und vielleicht sogar Aufführungen, die das unterstreichen.


Dr. Hartmut Hein, 04.05.2020

Label: Hyperion , VÖ: 04.05.2018
Interpretation: 
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Booklet: 




Video der Woche:

Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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