Magazin: CD-Kritiken
Schubert, Franz: Sonate D 960/4 Impromptus D 935

Details zu Schubert, Franz: Sonate D 960/4 Impromptus D 935: Marc-André Hamelin

Schubert, Franz: Sonate D 960/4 Impromptus D 935: Marc-André Hamelin

Klangästhetik

Es bleibt dabei: Was Marc-André Hamelin pianistisch anfasst, gelingt.

Dass Marc-André Hamelin in virtuoser Hinsicht so schnell niemand etwas vormacht, ist bekannt. Auch sein Faible für die Beschreitung ganz neuer, bislang kaum ergründeter Wege in puncto pianistischer Literatur hat sich herumgesprochen. Längst hat er aber auch bei der Erarbeitung klassischen Repertoires (etwa in seinen unbedingt hörenswerten Haydn- und Mozart-Einspielungen) Maßstäbe gesetzt, auf seinem neuesten, beim Label Hyperion erschienenen Album widmet er sich nun spätem Schubert.

Immense Bandbreite

Im Mittelpunkt steht die große B-Dur-Sonate D 960 – und Hamelin macht daraus wirklich Großes. Technisch über jeden Zweifel erhaben, führt er ergänzend dazu von Anfang an auch seine immense Bandbreite an klangästhetischen Möglichkeiten vor. Mittelstimmen erscheinen in neuartigem, ungewohnt hörbarem Licht. Ganz im Geist des musikalischen Gehalts hat es der sonst oftmals so virtuose Hexenmeister hier gar nicht eilig. Immer wieder nimmt er sich Zeit, um ausklingende Phrasen intensiv wirken zu lassen, und setzt auf verinnerlichende Atempausen. Im ausladenden cis-Moll-Satz versenkt er sich mit beseelter klanglicher Wärme in die harmonisch komplexen Abgründe. Mit einem Mal aufblühende, strahlende Akkord-Schönheit steht hier unmittelbar neben wie entrückt wirkender Melancholie.

Ungewohnte Impulse

Im Mittelteil des Scherzo verleiht er der Basslinie vergleichsweise ungewohnte Impulse – ein Konzept, das überraschend schlüssig aufgeht und beweist, dass er jederzeit in der Lage ist, auch oftmals gehörten Werken einen neuen, eigenen Anstrich zu verleihen. Im Finalsatz kontrastiert unprätentiös dargestellte Schlichtheit mit großer vollgriffiger Geste – beide Aspekte beherrscht Hamelin souverän. Daneben enthalten sind auf dem Album die vier Impromptus D 935, die in ebenso ausdrucksstarkem Glanz erstrahlen. Feinfühlig gespannte melodische Bögen treffen auf klug gesetzte dynamische Impulse und glitzernde Ornamentik. Auf diese Weise geraten auch die hier und da in Schuberts Spätwerk etwas repetitiven Strukturen niemals in die Gefahr, gefühlte Längen aufzuweisen, sondern behalten stets innere Spannung und individuell variablen Ausdruck. Statisch aufgeladene Tremoli im Allegro moderato f-Moll oder empfindsam gesungene Lyrik im Allegretto As-Dur – die Nuancen in Hamelins Anschlag sind so vielgestaltig wie das motivische Material des dritten Stücks (Tema con variazioni), mit dem der Kanadier wirkungsvoll spielt. Anders ausgedrückt: Mit diesem rundum überzeugenden Gesamtpaket startet er einen ernstzunehmenden Angriff auf die Referenz-Aufnahmen von Schubert-Koryphäen wie Alfred Brendel, Claudio Arrau oder Grigory Sokolov.


Thomas Gehrig, 23.10.2018

Label: Hyperion , VÖ: 04.05.2018
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




Video der Woche:

Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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