Magazin: CD-Kritiken
Reisenauer, Alfred: The Welte Mignon Mystery Vol. XXII

Details zu Reisenauer, Alfred: The Welte Mignon Mystery Vol. XXII: Werke von Robert Schumann, Franz Liszt, Frédéric Chopin, Ludwig van Beethoven

Reisenauer, Alfred: The Welte Mignon Mystery Vol. XXII: Werke von Robert Schumann, Franz Liszt, Frédéric Chopin, Ludwig van Beethoven

Pianistik des 19. Jahrhunderts

Diese über hundert Jahre alte Aufnahmen geben uns eine Ahnung von den pianistischen Künsten des 19. Jahrhunderts. Den Vergleich mit aktuellen Einspielungen braucht diese CD nicht zu scheuen.

Mit Alfred Reisenauers Einspielungen von 1905 legt TACET nun Vol. XXII der Welte-Mignon Mystery-Reihe vor. Dabei werden die überlieferten Klavierrollen in ein entsprechendes Reproduktionsklavier eingesetzt, abgespielt und das Klangergebnis aufgenommen, daher auch die leisen Geräusche des Spielmechanismus in der Stille zwischen den Stücken. Mit Schumanns 'Carnaval', Liszts Rhapsodie Nr. 10, Chopins 'Berceuse' und drei Werken von Beethoven enthält das Programm lauter Repertoirestücke, die bereits in unzähligen Aufnahmen vorliegen und auch heute noch im Konzertsaal präsent sind. Was die CD so hörenswert macht, ist der Abglanz einer inzwischen verloren gegangenen Interpretationskultur, die der Liszt-Schüler Reisenauer dokumentiert, der nur zwei Jahre nach Erfindung der revolutionären Aufnahmetechnik von Welte verstarb. Damit zählt Reisenauer (Jahrgang 1863) wohl zu den ältesten Pianisten, von denen uns Aufnahmen überliefert sind.

Klangästhetiken

Der Unterschied zur Klavierästhetik, wie wir sie heute kennen, ist groß: das Auseinanderklappen von Melodie und Begleitung, die agogische Freiheit, die Klarheit, mit der musikalische Zäsuren gesetzt und Sinneinheiten voneinander getrennt werden. Die einzelnen Klangschichten werden als polyphones Gewebe hörbar, sodass der Pianist die Partitur gewissermaßen wie ein Dirigent realisiert, der verschiedene Instrumente zu einem Ganzen zusammenführt, ohne dass die Verschmelzung so weit geht, dass wir die individuellen Stimmen nicht mehr als solche wahrnehmen. Interessant auch, wie unterschiedlich Werke angegangen werden: Waltet bei Chopin und Schumann große Pietät gegenüber dem Notentext, so versteht Reisenauer Liszts Notentext in den virtuosen Fiorituren eher als Vorschlag, der nach Belieben variiert werden kann, denn als verbindliche Vorschrift. Der grundlegende Gerüstsatz von Melodie und Harmonie bleibt meist intakt, wird aber frei ausgeschmückt. Die Beethoven‘sche 'Wut über den verlorenen Groschen' kommt mit größter Spielfreude daher und auch 'Für Elise' lässt aufhorchen.

In puncto Authentizität bleiben trotz informativem Booklet viele Fragen offen. Das Aufnahmeverfahren der Firma Welte ist bis heute nicht wirklich entschlüsselt worden und wenn der ausgewiesene Welte-Experte Hans W. Schmitz im Booklet bezüglich der geteilten Windlade und der dynamischen Teilung von Bass und Diskant schreibt: ‚Eine dynamische Differenzierung gleichzeitig angeschlagener Töne innerhalb von Akkorden auf einer Seite ist daher nicht möglich‘, so fragt man sich doch, woher diese Nuancen dann in der CD-Aufnahme kommen. Es handelt sich hierbei nämlich keineswegs um eine ‚marginale Einschränkung‘, ist doch die dynamische Differenzierung am Klavier das Alpha und Omega eines künstlerischen Vortrags. Aber selbst wenn man die Dynamik beiseite lässt, auch das rechte Pedal ist keine simple An-Aus-Frage; sogar Halb- und Viertelpedal sind noch schematische Vereinfachungen eines meisterlichen Pedalgebrauchs. Auch warum nicht alle zehn Rollen, die Reisenauer für Welte einspielte, in diese CD aufgenommen wurden, sondern bloß neun, bleibt unklar. Damit fehlt seltsamerweise Scarlattis 'Pastorale e capriccio' (Welte-Mignon Cat. No. 329). Diese Kritikpunkte schmälern nicht den Genuss am klanglichen Ergebnis, sie geben aber der Bezeichnung ‚Welte-Mignon Mystery‘ einen etwas merkwürdigen Beigeschmack.


Sebastian Rose, 13.10.2018

Label: Tacet , VÖ: 10.04.2018
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




Video der Woche:

Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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