Magazin: CD-Kritiken
Cage, John

Details zu Cage, John: Kammermusikwerke

Cage, John: Kammermusikwerke

Abstrakte Schönheit

Frühwerke von John Cage und seinem Schüler Tom Johnson, kongenial vom Trio Omphalos interpretiert, legen Zeugnis ab von der abstrakten Schönheit der amerikanischen Musik zu Beginn der Aleatorik.

Beim Label WERGO ist eine interessante und vom Trio Omphalos ausgezeichnet musizierte Aufnahme von zwei Werke des frühen John Cage und zwei Werken seines Schülers Tom Johnson entstanden: Cages 'Chess Pieces' von 1944 und 'Four Dances' von 1942/43 wird mit Johnsons Rational 'Melodies' (1993) und den ausgesprochen humorvollen 'Counting Duets' (1982) in Beziehung gebracht. Die 'Chess Pieces' haben eine interessante Entstehungsgeschichte: Cage wurde damals von Max Ernst und Marcel Duchamp gebeten, zu einer ihrer Ausstellungen etwas beizutragen, die um Themen des Schachspiels kreisen sollte. Und Cage malte ein Bild, ein Schachbrett bestehend aus 64 Feldern. Der Hintergrund des Bildes ist ein einheitliches Grau, der Eindruck von weißen und schwarzen Felder des Schachbretts entsteht dadurch, dass in ihnen weiße bzw. schwarze Noten auf 22 Notensystemen stehen, die ebenfalls in schwarzer bzw. weißer Farbe sorgfältig und genau gemalt worden sind.

Das Bild ging nach der Ausstellung in eine private Sammlung und wurde erst 2005 wieder ausgestellt, und zwar in einem Museum in New York, das die ursprüngliche Ausstellung von 1944 rekonstruierte. Bei dieser Ausstellung wurde man dann darauf aufmerksam, dass Cage nicht nur ein Bild, sondern eine Komposition in Bildform geschaffen hatte. Eine Pianistin, die mit Cages Werk bestens vertraut ist, wurde beauftragt, die Noten aus dem Bild zu rekonstruieren, und man fand eine fertige, voll notierte Komposition, die zunächst für Klavier solo aufgeführt worden ist (eine hervorragende Einführung in das Bild von Cage findet sich unter https://www.youtube.com/watch?v=Hva8WMcRyOE).

Gespür für die Feinheiten

Es fehlen in der Komposition Tempo- oder dynamische Angaben, und insofern haben die Interpreten, obwohl der Notentext anders als in späteren Kompositionen von Cage vorgegeben ist, doch viel interpretatorische Freiheit. Das trio omphalos arrangiert die Komposition mit großem Gespür für die subtilen Feinheiten der Komposition in einer Besetzung für präpariertes Klavier, Klarinette und Schlagwerk. Die Melodieführung ist oft einfach, auf dem Klavier ist das Stück recht leicht zu spielen, aber Cage gelingt es, eine ganz eigene, sehr konzentrierte Klangwelt zu schaffen. Genau das zeichnet auch die 'Rational Melodies' von Tom Johnson aus, die in Auszügen aufgenommen worden sind. Es sind Melodien, die nicht geschaffen worden sind, um Stimmungen oder Emotionen ausdrücken, sondern die festgelegten Prinzipien folgen. Johnson erschafft in seiner tonal konzipierten Komposition ähnlich wie Cage einen sehr konzentrierten, kondensierten Klangraum, der in seiner Abstraktheit und Klarheit eine eigene Sogwirkung entfaltet. Die eingespielten 'Four Dances', 1942/43 von Cage komponiert, sind teils unterhaltsame, typisch amerikanische, aber auch experimentierfreudige Stücke mit einem guten Drive. Auch wenn sie zunächst sehr traditionell daherkommen, experimentiert Cage hier mit neuen Ausdrucksmöglichkeiten: Die Spieler werden aufgefordert zu klatschen, die Saiten im Klavier werden angerissen und deuten schon auf spätere Werke des Komponisten hin. Eine sehr gelungene, durch die verschiedenen Klangfarben der Instrumente abwechslungsreiche Aufnahme liegt hier vor, die Zeugnis von der Entstehungsphase der aleatorischen Musik ablegt.


Prof. Dr. Michael Bordt, 22.11.2018

Label: WERGO , VÖ: 29.09.2017
Interpretation: 
Klangqualität: 
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Booklet: 




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Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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