Thierry Pécou

Thierry Pécou versöhnt Traditionelles mit neuen Klangideen

"Komponieren bedeutet für mich, der Welt Ausdruck zu verleihen"

Photo: Cyrille Guir


Der französische Komponist und Pianist Thierry Pécou kann mittlerweile eine stattliche Werkliste vorweisen. Neben drei Opern und zahlreichen Kammermusikwerken unterschiedlicher Besetzungsgrößen nehmen Werke für Orchester (und Soloinstrument) einen breiten Raum ein. Obgleich einige Werke von Pécou mit Preisen ausgezeichnet wurden, ist sein Schaffen hierzulande noch wenig bekannt. Diesem Umstand abzuhelfen könnte eine neue Aufnahme beitragen, die bei Harmonia Mundi erscheint. Zu hören sind ? nach der letzten CD, die sich auf Orchesterwerke konzentrierte ? nun kammermusikalische Werke, die Thierry Pécou mit dem von ihm ins Leben gerufenen Ensemble Variances eingespielt hat. Doch in Zukunft wird ein normaler Tonträger kaum mehr ausreichen, um alle Dimensionen von Pécous Werken transportieren zu können. Wie der französische Komponist klassik.com-Autor Tobias W. Pfleger verriet, versucht er in Zukunft, Körperbewegungen als Bedeutungsträger mit der Musik zu verbinden.

Weshalb komponieren Sie?

Oh, das ist eine komplizierte Frage, denn das geht weit in meine Jugend zurück. Ich hatte schon immer ? wie wahrscheinlich jedes Kind ? das Verlangen, Dinge zu erschaffen. Sobald ich schreiben konnte, habe ich Geschichten geschrieben. Und als ich ein wenig Umgang mit Musik hatte, schrieb ich Musikstücke. Das war wohl der Anfang. Heute bedeutet Komponieren für mich, der Welt, die mich umgibt, Ausdruck zu verleihen und Dinge in Verbindung zu bringen, die in den Kulturen der Welt sehr unterschiedlich sind. Ich möchte der Zuhörerschaft auch die Erfahrungen meiner Reisen vermitteln. Komponist zu sein, hat für mich in bestimmter Hinsicht etwas mit Spiritualität zu tun. Ich sehe mich nicht als religiösen Menschen und ich glaube nicht an Gott, aber meiner Meinung nach verweist Musik auf etwas, das nicht materiell ist, sondern in gewisser Weise transzendent ? gleichzeitig aber auch eher physisch als metaphysisch.

Ihre Musik hat eine sehr starke gestische und rhythmische Komponente, gleichzeitig wirkt Ihre Musik sehr sinnlich. Sie macht nicht den Eindruck, ?Papiermusik? zu sein?

?das mag vielleicht daher kommen, dass ich in meiner Musik auch mit Prozessen arbeite, die eher aus dem Bereich fremder Musiktraditionen kommen. Das bedeutet zum Beispiel, dass ich repetitive Muster nutze, allerdings nicht in der Art, wie sie von amerikanischen Komponisten verwendet werden?

?also nicht in der Art der amerikanischen Minimal Music?

?nein, nicht minimalistisch. Es sind zudem rhythmische Aspekte, die das Gefühl von Einheit herstellen. Sie erzeugen eher den Eindruck eines Weges, dem man folgt. Aber natürlich nutze ich gleichzeitig den gesamten Hintergrund unserer europäischen Kompositionstradition.

Haben Sie einen genauen Plan, wie die Gestalt eines Stücks am Ende aussehen soll, wenn Sie anfangen, ein neues Stück zu schreiben? Oder entwickelt sich die endgültige Form erst im Laufe des Schreibens?

Copyright Cyrille GuirDas ist von einem zum anderen Stück ganz unterschiedlich. Oft habe ich eine eher globale Idee. Manchmal ist das eine Art Bedeutung oder Gehalt, den ich auszudrücken versuche. Meistens entwickelt es sich dann doch nicht genau so, wie ich das eigentlich geplant hatte, aber hin und wieder klappt das auch. Solange man in der Phase der Erfindung ist, tauchen neue Ideen auf, und dann muss man mit ihnen umgehen, sie bearbeiten. Das ist schon ein ziemlich eigenartiger Prozess. Selbst wenn man nun schon einige Zeit komponiert, ist man stets wieder aufs Neue überrascht von diesem Prozess, den man einfach nicht beherrschen kann. Da gibt es immer Dinge, die dem eigenen Wollen entfliehen. Aber das macht es für mich auch sehr interessant.

Ihre Stücke haben sehr sprechende Titel. Möchten Sie damit die Assoziationswege des Hörers lenken?

Nein, das eigentlich nicht. Vielleicht ist das ein Erbe von Debussy, der für seine Stücke sehr poetische Titel erfand ? auch wenn er betont, er möchte nicht, dass der Hörer das zu sehr in Betracht zieht, sondern frei der Musik lauschen solle. Für mich ist der Titel eher Zeugnis der Inspirationsquelle oder Quelle der Ideen, die ich hatte, entweder vor oder während der Komposition. Ein Titel ist also eher hinweisender Art; für mich ist er nicht zentral. Ich mag Poesie sehr gerne. Stücken schöne Titel zu geben ist für mich auch eine Art Poesie.

Fügen Sie Ihren Stücken die Titel hinzu, nachdem sie fertig komponiert sind?

Normalerweise ja. Manchmal passiert es aber auch, dass mir ein Titel einfällt, während ich noch an dem Stück schreibe, seltener bevor ich ein Stück beginne. Aber ich weiß natürlich, in welchem Bedeutungsfeld ich mich bewege, wenn ich anfange, ein Stück zu schreiben.

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Das Gespräch führte Dr. Tobias Pfleger.
(08/2012)

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Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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