Andreas Staier

Andreas Staier über "Hommage à Bach"

"Fugen sind Charakterstücke höchster Art"

Photo: Alvaro Yanez


Ein Schumann-Progamm als Hommage an Johann Sebastian Bach? Mit seiner neusten CD beleuchtet Staier die intensive Beziehung, die Schumann zu seinem großen Vorbild pflegte und geht auf die Suche nach den Spuren, die Schumanns Auseinandersetzung mit Bach in seinem Klavierwerk hinterlassen hat. Der Experte für historische Tastenmusik Andreas Staier beleuchtet nicht nur die frühen Kompositionen Schumanns, sondern wagt sich auch in dessen Spätwerk vor. Aufhorchen lassen die Tempi, denn Staier hat sich bewusst an den Metronomangaben von Schumann orientiert.

Eine Schumann-CD als Hommage an Bach. Wie kommt man darauf?

Eigentlich liegt der Gedanke auf der Hand. Schumann hat sich sein ganzes Leben lang mit Bach auseinandergesetzt. Man könnte im Grunde 90 Prozent seines Klavierwerks unter dem Titel rechtfertigen. Mir ging es jedoch darum, die vielen Facetten seiner Auseinandersetzung mit Bach zu zeigen. Schumann ist da nämlich keineswegs immer offensichtlich.

Beispiel ?Kinderszenen??

Schumann hat seine Bachverehrung oft in Anspielungen verborgen. In den ?Kinderzenen? sind alle Titel kindheitsbezogen. Nur der erste Titel ?Von fremden Ländern und Menschen? sowie das letzte Stück ?Der Dichter spricht? haben nichts mit dieser Kinderwelt zu tun. Sie bilden einen Rahmen, der auf E.T.A. Hoffmanns ?Kreisleriana? bezogen ist. Dort tritt ein Mensch auf, der wie ein Fabelwesen beschrieben wird...

...ein ?unbekannter, stattlicher Mann?, heißt es da, ?seltsamlich gebildet und gekleidet?.

Damit kann nur Bach gemeint sein. Entsprechend hört man bei Schumann zu Beginn des ersten Stücks das B-A-C-H-Motiv - ein typisches Beispiel für die esoterische Denkweise Schumanns. Er hat oft Chiffren in seine Musik eingearbeitet und mit Buchstaben- und Zahlenspielen hantiert. Vieles von dem, was er in seinen Stücken verborgen hat, konnten wohl nur er und seine Frau Clara entschlüsseln. Anderes ist eindeutiger wie das berühmte Zitat aus Beethovens Lied ?An die ferne Geliebte?, das in der Zweiten Sinfonie oder der großen Klavierfantasie in C-Dur auftaucht.

Eine sehr persönliche Ebene.

Schumanns musikalische Chiffren sind immer sehr persönlich. Das gilt auch für seine Beschäftigung mit Bach. Hunderte von Zitaten belegen das. Neben dem romantisch-verborgenen Spiel mit literarischen Quellen gibt es auch die direkte Beschäftigung mit der Polyphonie, wie Schumann sie in den späten Fughetten betrieben hat.

Schumann ging es um mehr als nur das Fugenschreiben.

Bach war für Schumann stets so etwas wie ein Kompositionslehrer. Immer wieder hat er die Fugen aus dem 'Wohltemperierten Klavier' analysiert und studiert. Wenn Schumann schreibt: ?Fugen sind Charakterstücke höchster Art?, dann drückt er sehr treffend aus, dass es ihm darum geht, ein Stück zu schreiben, das sich selbst rechtfertigt und aus sich heraus eine Grundstimmung entwickelt. Es geht ihm nicht nur um Polyphonie, sondern auch um die Prägnanz der Affekt-Darstellung.

Wie passen die ?Waldszenen? dazu?

In den ?Waldszenen? - einem der bekanntesten Spätwerke - gibt es mit 'Verrufene Stelle' und ?Vogel als Prophet? zwei geradezu psychedelisch übersteigerte Barock-Stilkopien, die auf französische Ouvertüren zurückzuführen sind. Obwohl das erste Stück vordergründig homophon wie ein romantisches Charakterstück klingt, verarbeitet Schumann darin winzige Motive, die eigentlich fugiert sind. Opus 32 ist da viel eindeutiger. Schon der Titel ?Scherzo, Gigue, Romanze und Fughette? verweist auf barocke Formen. Dabei ist es interessant, wie Schumann ironisch mit den Begriffen spielt: Denn die Gigue ist fugiert, während die Fughette witziger Weise gar nicht polyphon ist. Die Gigue ist also viel eher eine Fughette als die Fughette selbst. (lacht schelmisch)

Sie beginnen Ihre CD mit einer Auswahl aus dem ?Album für die Jugend?.

Copyright Eric ManasDamit wollte ich einen Rahmen schaffen. Ich beginne mit dem Choral aus dem Album für die Jugend und schließe mit 'Der Dichter spricht' aus ?Kinderszenen?. Beide Stücke sind Choräle und stehen in G-Dur. Dieser Choral kehrt in F-Dur transponiert noch einmal im 'Album für die Jugend' zurück. Dort tritt er als figurierter Choral mit Umspielungen auf, der sicher von Bachs ?Wohltemperiertem Klavier? inspiriert ist und abermals mit dem B-A-C-H-Motiv spielt. Allerdings scheint Schumann dort das Motiv nicht finden zu können. Wann immer die Intervalle stimmen, ist es transponiert, so dass die Töne nicht stimmen. Wenn es die korrekten Töne sind, dann sind sie durcheinandergeschüttelt. Erst ganz zum Schluss hört man einmal B-A-C-H und sofort ist das Stück am Ende angelangt.

Ein Kreisen um Bach.

Umso mehr, wenn man bedenkt, dass das Stück den bemerkenswerten Titel ?Thema? trägt. Dabei hat das Stück keine Gestalt, die man als Thema bezeichnen könnte. Schumann wollte den Interpreten sicher dazu anregen sich zu fragen, wieso das Stück den Titel ?Thema? trägt, obwohl es gerade kein konsistentes und wieder erkennbares Thema verarbeitet. Es ist eher die ununterbrochene Variierung einer Keimzelle. Das ist aber das genaue Gegenteil eines Themas. Es ist ein Prozess.

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Das Gespräch führte Miquel Cabruja.
(11/2008)

Video der Woche:

Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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