Claire Huangci

Claire Huangci malt mit fein gemischten Farben

"Ich möchte die Menschen mitnehmen in das Märchen und das Drama"

Photo: Maike Helbig


Die amerikanisch-chinesische Pianistin Claire Huangci hat in jungen Jahren bereits eine Reihe von Erfolgen vorzuweisen, unter anderem ein vielbeachteter zweiter Platz beim ARD Musikwettbewerb 2011. Soeben wird bei Berlin Classics ihre erste CD veröffentlicht: Klaviertranskriptionen von Tschaikowskys Ballett ‚Dornröschen‘ und Prokofjews ‚Romeo und Julia‘. Zum Interview erscheint sie in der Musikhochschule Hannover, wo sie bei Ari Vardi studiert. Dabei ist die zierliche 23-jährige nicht nur freundlich, sondern ganz locker und entspannt. Im Gespräch mit klassik.com-Autor Jan Kampmeier zeigt sich ihr unverkrampfter Blick auf die Welt der schwarzen und weißen Tasten – und weit darüber hinaus.

Sie werden zurzeit vermutlich Tag und Nacht über Ihre neue Platte ausgefragt. Finden Sie das gar nicht anstrengend?

Das ist okay, mir fällt immer was Neues ein. Und so viel ist es auch gar nicht, nicht wirklich anstrengend. Ich lese viele Artikel online auf klassik.com, Rezensionen zu Konzerten und CDs, daher bin ich ganz aufgeregt, dass ich jetzt selbst dabei sein soll.

Sie sind eine amerikanische Pianistin mit chinesischen Wurzeln. Warum haben Sie ausgerechnet russisches Repertoire für Ihre erste Platte ausgesucht?

Um ganz ehrlich zu sein: Ich würde nie eine CD mit chinesischer Musik machen, und für meine erste CD auch nicht mit amerikanischen Werken. Die große klassische Literatur für Klavier ist nun mal in Europa entstanden, in Deutschland und Österreich – oder eben in Russland. Und für mich hat russische Musik schon seit sehr jungen Jahren eine große Rolle gespielt. Ich habe viel von Rachmaninow, Prokofjew und Tschaikowsky gespielt, denn ich hatte am Curtis-Institute einen russischen Lehrer. So schien das ganz natürlich: Es ist die Musik, wo ich mich am besten selbst ausdrücken kann. Außerdem werden hier zwei Geschichten erzählt, die ich schon mein ganzes Leben kenne.

Warum haben Sie Transkriptionen ausgewählt? Sie hätten ja zum Beispiel Sonaten von Prokofjew aufnehmen können.

Copyright Maike HelbigEs war gar nicht so einfach, das Repertoire für meine CD zu finden. Ich habe über verschiedene Optionen nachgedacht. Und ich weiß, es gibt einige Leute, die Transkriptionen für oberflächlich halten. Die Fragen sich, warum sie die Klavierfassung hören sollten, wenn es doch die bessere Orchesterfassung gibt. Aber ich denke, es hat einen Grund gegeben, warum Prokofjew selbst zehn Stücke aus ‚Romeo und Julia‘ für Klavier bearbeitet hat. Und es muss auch einen Grund geben, warum ein so großartiger Pianist wie Pletnjow Tschaikowskys Ballette für Klavier bearbeitet. Für mich bilden die beiden Werke einen guten Kontrast. Und während der Arbeit daran habe ich wirklich viel gelernt, denn ich habe mich nicht nur mit der Klavierfassung beschäftigt, sondern auch sehr detailliert mit den Orchesterpartituren und habe mir die Ballette ständig angeschaut. Das hat wieder meine Interpretation beeinflusst. Das war ein großer Spaß und auch eine große Herausforderung.

Beide Stücke sind technisch sehr schwer, und es wäre ja auch für eine junge Pianistin nicht ungewöhnlich, große Virtuosität beweisen zu wollen. Das war aber für Sie nicht der Grund? Warum haben sie dann solche ‚Showstücke‘ ausgewählt?

Sie sind wirklich sehr schwer, aber meiner Meinung nach nicht schwerer als andere Stücke des Repertoires. Jedes Stück hat seine Schwierigkeiten. Tatsächlich liegt besonders Pletnjows Transkription sehr gut in den Fingern, da er selbst Pianist ist. Und ich möchte auch, dass ein Zuhörer niemals denkt, dies seien schwere Stücke. Man soll denken, sie seien leicht zu spielen und die technische Herausforderung gar nicht spüren. Ich möchte die Menschen mitnehmen in das Märchen von ‚Dornröschen‘ oder das Drama von ‚Romeo und Julia‘. Das sind sehr fantasievolle Geschichten, und jeder kann eigene Gedanken darin wiederfinden, vielleicht geht es auch einigen wirklich zu Herzen.

Ich hätte nicht erwartet, in Ihrer Einleitung im Beiheft zur CD dem Namen Disney zu begegnen. Haben sie die Musik tatsächlich durch seine Filme kennen gelernt?

Nein, nein, so war es nicht. Aber wenn man in Amerika geboren wird und aufwächst, dann gehören Disney-Filme einfach dazu. Jedes Kind kennt diese Filme dort, auch ich, zum Beispiel ‚Die Schöne und das Biest‘. Als ich in der Grundschule war, wollten alle Mädchen gerne Prinzessin sein, und die Jungen sogar auch; diese Filme sind für Jungen und Mädchen. Und natürlich haben die Disney-Filme sehr eingängige Musik, die man sofort wiedererkennt. Ich habe auf den Soundtrack eigentlich nie besonders geachtet. Aber als ich angefangen habe, ‚Dornröschen‘ zu lernen, habe ich mir die Disney-Version wieder angeschaut. Und ich war sehr überrascht, dass fast jedes einzelne Thema, das Pletnjow für seine Transkription ausgewählt hat, auch im Film vorkommt. Das ist schon sehr interessant, dass Disney die originale Musik von Tschaikowsky benutzt. Das hat mir schon ein sehr warmes Gefühl gegeben, und ich denke, für jeden ist es schön, etwas zu hören, das man wiedererkennt, besonders, wenn es einen an die unschuldigen Kindertage erinnert. Mich jedenfalls überwältigt es, dass ich etwas spiele, dass ich als Kind so geschätzt habe und das sicher immer noch Millionen Kinder lieben.

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Das Gespräch führte Jan Kampmeier.
(08/2013)

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Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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