Kristian Bezuidenhout

Klassisches Ebenmaß ist dem Hammerflügel-Spezialisten Kristian Bezuidenhout zu wenig. Er sucht die Emotionen - auch bei Haydn und Mozart.

"Ich fühlte mich wie in einer Zwangsjacke"

Photo: Marco Borggreve


Kristian Bezuidenhout gehört zu den innovativsten Hammerklavier-Virtuosen der letzten Jahre. Als Grenzgänger zwischen Komposition und Improvisation verleiht er seinen Deutungen klassischer Werke eine Lebendigkeit, die man in der Alten Musik selten zu hören bekommt. Für klassik.com sprach Miquel Cabruja mit Bezuidenhout über historisch informiertes Spiel, die Schattenseiten der modernen Ausbildung, aktuelle CD-Projekte und seine Liebe zu Wolfgang Amadeus Mozart.

Herr Bezuidenhout, wir leben in einer Zeit, in der pianistische Superstars den Markt beherrschen. Wie kommt man da ausgerechnet darauf, sich auf historische Instrumente zu spezialisieren?

Das ist eine sehr gute Frage. Als ich im Alter von zehn Jahren mit meiner Ausbildung begann, spielte ich natürlich auf einem modernen Klavier. Ich befand mich damals auf der Suche nach meinem musikalischen Weg und merkte mit etwa 14 Jahren, dass mich Tschaikowsky oder Prokofjew nicht wirklich interessieren. Stattdessen war ich fasziniert von Haydn und Mozart, stand aber vor einem unlösbaren Problem: Ich wollte diese Musik genauso aufregend und energievoll gestalten, als würde ich Skrjabin oder Brahms spielen. Meine Lehrer ermahnten mich aber, ich müsse mich zügeln und Maß halten. Natürlich kann man auf einem heutigen Instrument nicht einfach drauflos spielen, wenn man Haydn oder Mozart interpretieren möchte. Aber genau das wollte ich. Ich hatte das unbändige Bedürfnis, aus mir herauszugehen und mein ganzes Gefühlsleben in die Musik zu legen. Dass dies auf dem modernen Klavier nicht funktionierte, war für mich ungeheuer frustrierend. Ich fühlte mich die ganze Zeit über wie in einer Zwangsjacke!

Und da waren historische Instrumente die Lösung?

Auf einem Hammerklavier ist genau das möglich, wonach ich mich immer gesehnt hatte. Man kann Leidenschaft und Emotionen in die Musik legen, das gesamte dynamische Spektrum auskosten und ausdrücken, was man empfindet ? ohne dass es jemals grob oder übertrieben klänge. Ich brauchte allerdings noch bis zum Alter von etwa 16 Jahren, um genau das zu realisieren.

Lassen Sie uns in ihrer Biographie einen Schritt zurückgehen. Geboren wurden Sie 1979 in Südafrika?

?ja, das stimmt. Meine Familie zog jedoch von dort bald nach Australien. Das hatte verschiedene Gründe ? finanzielle, aber auch politische: In den Achtzigerjahren gab es in meinem Geburtsland noch die Apartheid. Aus diesem furchtbaren System wollten meine Eltern raus. Studiert habe ich dann an der Eastman School of Music im amerikanischen Rochester. Inzwischen wohne ich aber mit meinem Bruder zusammen im Londoner Stadtteil Chelsea, für mich ideal: In nur zehn Minuten bin ich im Zentrum einer Weltstadt und genieße alle Vorteile des europäischen Lebens ? in einem englischsprachigen Land.

Gibt es Pianisten, die Sie besonders geprägt haben?

Als ich sehr jung war, hatte Martha Argerich eine immense Bedeutung für mich. Ich glaube, ich war von der Verletzlichkeit ihres Spiels beeindruckt. Argerich ist als Interpretin im besten Sinne unvorhersehbar. Ihr wacher Geist, die dramatischen Kontraste ihres Spiels ? sie ist unglaublich charaktervoll. Fasziniert hat mich außerdem Geoffrey Lancaster, ein australischer Pianist, der mit seinen Interpretationen auf dem Hammerklavier das traditionelle Mozart-Bild ausgesprochen intelligent hinterfragt hat.

Sie vertreten nicht die Meinung, dass man als Künstler unabhängig von fremden Einflüssen sein sollte?

Im Gegenteil. Ich finde es produktiv, mich mit den Konzepten anderer Künstler auseinanderzusetzen. Es geht ja nicht darum, Kollegen zu kopieren. Aber oft findet man doch bei einem anderen Pianisten Lösungen, auf die man selbst nie kommen würde. Ich neige beispielsweise dazu, bestimmte Passagen bei Haydn sehr sanft zu spielen. Wenn ich dann höre, dass andere Pianisten gerade dort ein doppeltes Forte bevorzugen, bringt mich das zwangsläufig zum Nachdenken. Und schon hat sich die Tür zu einer neuen Sicht auf ein Werk geöffnet... (lacht)

Mozart scheint für sie eine besondere Rolle zu spielen.

Mozart ist für mich vollkommen natürliche Musik. Seine Artikulation, die Art, wie er Gefühle ausdrückt, wie er für das Klavier schreibt und seine Eleganz ? all das berührt mich sehr. Für mich nimmt sein Werk einen ganz besonderen Stellenwert ein. Deswegen will ich auch verstehen, in was für einem musikalischen, aber auch gesellschaftlichen Kontext seine Musik entstanden ist. Ich nehme mir die Zeit, all diese Fragen zu erforschen.

Was heißt das genau?

Früher habe ich in ziemlicher Isolation vor allem autographe Partituren studiert. Dabei setzt man sich jedoch immer der Gefahr von Missverständnissen und Fehldeutungen aus. Heute ziehe ich deswegen die Schriften von Musikwissenschaftlern und Experten zurate. Sie helfen einem, die Vorgaben, die man im Notentext findet, richtig einzuordnen und zur Diskussion zu stellen. Ich denke da unter anderem an Láslzló Somfais Buch über Joseph Haydn. Das hat mein Leben wirklich verändert.

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Das Gespräch führte Miquel Cabruja.
(03/2010)

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Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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