Konstanze Eickhorst

Die Pianistin Konstanze Eickhorst verbindet Emotion und Struktur ? auch in ihrer jüngsten Mozart-Aufnahme.

"Eine CD sollte so lebendig klingen wie ein inspiriertes Konzert"

Photo: Marco Borggreve


Der Tätigkeitsbereich der Pianistin Konstanze Eickhorst ist äußerst vielfältig. Sie ist nicht nur Solistin auf internationalen Podien, sondern widmet sich als Mitglied des Linos-Ensembles der Kammermusik, insbesondere auch unbekanntem Repertoire. Und nicht zuletzt unterrichtet sie als Professorin an der Musikhochschule Lübeck und ist Jury-Mitglied mehrerer Wettbewerbe. Ihre Karriere, die noch ohne Starthilfe tiefdekolletierter Hochglanzfotos auskam, bekam durch den Gewinn des Clara-Haskil- sowie des Geza-Anda-Klavierwettbewerbs einen großen Schub. Seither ist sie als Solistin ? auch in der Zusammenarbeit mit internationalen Orchestern erster Güte ? auf den großen Podien zu erleben. Neben ihrer Passion für die Kammermusik erschließt sie auch mit Programmen, in denen sich Wort und Text, Lyrik und Musik verbinden, künstlerisches Territorium abseits ?gewöhnlicher? Solisten-Pfade. Mit der künstlerisch neugierigen Pianistin sprach klassik.com-Autor Michael Pitz-Grewenig.

Ihre jüngste CD trägt den Titel ?Mozart in minor?. Warum in Englisch? Und: Muss es wieder Mozart sein?

Als international agierendes Label gibt Genuin seinen Produktionen natürlich englische Titel. ?Mozart in Moll?, zunächst ein Arbeitstitel, dann Motto der CD, wurde auf diese Weise zu ?Mozart in minor?. Und warum Mozart? ? Ich habe im Laufe der letzten Jahre eine Reihe von CDs eingespielt und sehr viel mit dem Label CPO zusammengearbeitet. Das Osnabrücker Label hat es sich zur Aufgabe gemacht, noch nicht eingespielte, aber lohnende Werke herauszubringen. So beschäftigte ich mich intensiv mit Clara Schumann und ihren Solowerken sowie ihren Liedern. 3 CDs gibt es mittlerweile mit Werken von Louise Farrenc: Solowerke und Kammermusik mit dem Linos-Ensemble. Weiter ergab sich eine spannende Auseinandersetzung mit den Kammermusikwerken von Carl Reinecke, Alexander Fesca oder auch Ferdinand Ries. Im Vordergrund stand hier aber immer die Entdeckung und Einspielung unbekannter Werke. Im Nachhinein haben sich dann allerdings mehrere dieser Stücke auch in den Konzertprogrammen etabliert. Nun aber hatte ich das Gefühl, dass es an der Zeit ist, auch den umgekehrten Weg zu gehen: Werke, mit denen ich über Jahre auf dem Podium ?gelebt? habe, auf CD einzuspielen. Und da für mich als Erste Preisträgerin der Wettbewerbe ?Clara Haskil? und ?Geza Anda? Mozart seit jeher einen wichtigen Platz in meinem Repertoire eingenommen hat, war die Idee naheliegend, eine CD mit Mozart zu wagen.

Und warum gerade diese Werke?

Von den Mozart-Sonaten habe ich die beiden in Moll besonders oft im Konzert gespielt, die c-Moll-Sonate häufig in Verbindung mit der c-Moll-Fantasie. Die Idee, die d-Moll-Fantasie hinzuzunehmen, hat auch ein wenig biographische Hintergründe. Ich habe dieses Werk im Alter von acht Jahren hier in Bremen zur Einweihung des Parlamentsgebäudes gespielt. Es war meine allererste, ernsthafte Beschäftigung mit Mozart. Und das Rondo a-Moll scheint mir wie geschaffen als Nachklang zur a-Moll-Sonate. So ergab sich ein schöner Bogen von der frühen Fantasie in d-Moll bis zu dem späten a-Moll-Rondo, in dem soviel an Unendlichkeit, an chromatischer Ausweglosigkeit steckt.

Wie groß ist der Druck, wenn man so bekannte Werke neu einspielt, mit den großen Vorgängern zu konkurrieren? Man denke nur an Clara Haskil, Friedrich Gulda oder dem großen, heute fast schon vergessenen Walter Gieseking?

?ja, Gieseking ist in der Tat fast vergessen. Den wenigsten Musikstudenten ist er noch ein Begriff, ebenso Clara Haskil. Gulda ist da viel präsenter. Übrigens habe ich mich in Sachen Mozart auch mit den Kempff-Einspielungen beschäftigt ? sehr interessant. Aber zurück zu Ihrer Frage: Ich bin mit den Aufnahmen dieser Großen aufgewachsen und musste sehen, dass ich mich von diesen Idolen löse, um meinen eigenen Weg zu gehen, um mich nicht mit diesen Vorbildern zu belasten. Meinen Studenten, für die diese Aufnahmen relativ unbekannt sind, rate ich allerdings immer wieder, sie als Inspirationsquelle zu hören.

Was war der entscheidende Funke, der Sie sagen ließ: So, jetzt möchte ich meine Gedanken zu Mozart in einem Konzert mitteilen oder eine CD produzieren?

Ich musste mich von meinen Vorbildern lösen. Und ich hatte das Gefühl, dass die Zeit reif sei für ein Einfangen langjähriger Erfahrungen auf dem Podium. Mit dieser Einspielung versuche ich, ein Resümee meiner eigenen Gedanken und Auffassungen zu ziehen. Und diese begannen im Grunde vor allem mit dem Clara-Haskil-Wettbewerb.

Die Werke von Mozart erklingen unter ihren geläufigen Fingern sehr frisch. Ist es so, dass Sie in dieser Musik weniger das Strukturelle hervorheben als vielmehr das Narrative?

Die Klaviersonaten sind für mich eigentlich Opern ? Miniaturopern ohne Text ?, und wenn man das erzählerisch nennen will: gerne. Eine Oper erzählt eine spannende Geschichte, eine Geschichte über Freud und Leid, und das erzählen die Sonaten ebenfalls, vornehmlich die beiden in Moll. Ich versuche, sie in diesem Spannungsfeld zu erleben und im Konzert zu vermitteln. Wenn das ?rüberkommt?, dann bin ich sehr froh darüber.

Kann man das vergleichen mit Arnold Schönbergs ?Musik ist Denken in Tönen??

Das klingt mir eigentlich zu intellektuell. Ich würde sagen: ?Musik ist Fühlen in Tönen?. Clara Schumann hat gesagt: ?Ich atme in Tönen?.

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Das Gespräch führte Michael Pitz-Grewenig.
(10/2011)

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Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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